Essay

Das Ende der Freundlichkeit

Wer interessiert sich eigentlich noch für Freundlichkeit? Es geht doch nur darum eigene Interessen durchzusetzen. Stimmt das?

Wie viel ist sie eigentlich noch wert, die Freundlichkeit? In einer Welt, die sich aus tausenden einzelnen Interaktionen und Beziehungen zusammensetzt, die schneller an einem vorbeizieht, als ein neuer, funkelnder ICE und die so viel vom Einzelnen abverlangt, dass er oder sie vielleicht nicht mehr weiß, welche Umgangsform jetzt noch nötig, beziehungsweise hilfreich sind.
Wenn sie durch die Stadt geht, wird ihr sehr schnell klar, dass nicht sie nicht Rücksicht auf jeden nehmen kann, der ihr über den Weg läuft. Vielleicht tritt sie einem auf die Füße, vielleicht öffnet sie jemanden nicht die Tür in der Straßenbahn, vielleicht ist sie ein wenig schroff zu der Bäckersfrau, wenn sie sich morgens noch den Schlaf aus den Augen reibt und eine überteuerte Brezel bestellt.

Es stellt sich also die Frage welche Anstrengungen man unternehmen sollte, um trotzdem noch das Mindestmaß an Freundlichkeit zu wahren?
Bin ich zuvorkommend mit meinen Freunden? Antworte ich ihnen ich in einem angemessenen, zeitlichen Rahmen und ghoste sie nicht (ob bewusst oder unbewusst)? Grüße ich meine Mitbewohner und gebe ihnen zumindest das Gefühl, dass sie für mich nicht nur Geldanlagen sind, die ich zur Finanzierung meiner Wohnung nutze? Greife ich anderen unter die Arme, wenn sie Probleme an der Arbeit oder der Uni haben, wenn sie nicht wissen wie sie eine bestimmte Aufgabe lösen sollen oder verharre ich in meiner lakonischen Nonchalance und ergebe mich der Unantastbarkeit, die dieser Generation ja gerne mal von so brillanten Autoren wie Michael Nast, dem Walter Benjamin des 21. Jahrhunderts, vorgeworfen wird?
Wanda (die Band; gut wer auch sonst) schreiben in einem ihrer Texte „Förmlichkeit sei das Ende der Kindheit“.
Dies lässt sich ziemlich leicht nachvollziehen. Die Kindheit ist in Romantik und Melancholie und Zielen und Wünschen getrieft, und löst sich dann langsam auf, wenn die klirrende, langweilige Ödnis des Erwachsenendaseins über den jungen Menschen hereinbricht. Diese Erkenntnis, dass eigentlich jeder nur die Formeln der Höflichkeit (über die Altertümlichkeit dieses Wort ist später vielleicht auch noch zu reden) aus dem Streben nach einer nachhaltigen Karriere einhält und jeder nur bemüht ist, bloß seine Beziehungen, sein Network aufrecht zu erhalten, so dass ihm der Erfolg, denn er doch als Endziel anstrebt, doch irgendwann endlich zu Teil wird. Das stellt doch das Gegenteil der unschuldigen Kindheit dar.
Dabei ist natürlich nicht zu verneinen, dass Alltagsformen richtig und wichtig sind und ein geregeltes Verhältnis in einem professionellen Umfeld vielleicht die Romantik des Lebens ein wenig bei Seite schiebt, jedoch überlebenswichtig für den Menschen ist.
Deshalb schätze ich zwar den Vergleich mit der Kindheit als richtig ein, jedoch verläuft dieser sicher nicht wie eine Grenze mit Selbstschussanlage. Das bedeutet die Beziehung von Kindheit und Volljährigkeit verläuft sicherlich nicht diametral. Förmlichkeit ist daher ein Indiz, aber sicher nicht die einzige Eigenheit der Verantwortung und des professionellen Umgangs. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht. Also, Förmlichkeit ist kein tyrannisches Werkzeug, dass die Träume von Kindern zerstört und sie in der kalten, aschfahlen Welt des Neoliberalismus absetzt. Das ist sicherlich nicht der Fall. Förmlichkeit oder Höflichkeit oder Freundlichkeit sind ineinander unterscheidbar aber spielen auf die gleiche Frage hin.
Wie gehe ich mit anderen Leuten in meinem sozialen Umfeld um? Man kann es nennen wie man will, aber daraus ergibt sich auch eine Art Selbstportrait. Je nachdem welche Wertigkeit ich dem einen oder anderen zuordne, wird sich jene Einstellung auf mich als Person widerspiegeln. Das ist ziemlich offensichtlich und eigentlich auch schon jedem 3-jährigen bekannt.
Zunächst lässt sich festhalten, dass Freundlichkeit ein Axiom des gesellschaftlichen Lebens ist. Denn man stelle sich mal das Gegenteil vor.
Will man wirklich in einer Welt leben, in der man entweder angepöbelt wie etwa bei PEGIDA Veranstaltungen oder angeschwiegen wird und einem nicht einmal das Mindestmaß an Respekt gezollt wird, nämlich die Wahrnehmung durch den Anderen. Das Schlimmste, was ich mit meinen Mitmenschen machen kann, und ich weiß das, da ich darin extensive Erfahrung habe, ist sie nicht als Mitmenschen wahrzunehmen, in dem ich sie ignoriere und ihnen damit eigentlich den Wert als Person abspreche. Natürlich werden das nicht viele Menschen tun, da Umgangsformen ja nun mal in uns eingebrannt sind wie Eisen auf Kuhrücken.
Dennoch nutzt mancher, nennen wir ihn ein soziales Ungetüm oder einen entschiedenen Individualisten. Dieser (EI) wird nun Menschen nur dann freundlich behandeln, wenn er sich davon einen Mehrwert verspricht. Das alte System des Opportunismus, welches auf professioneller oder persönlicher Ebene funktioniert.
Weiterhin wird er gesondert diese Menschen abschätzig angehen, die seiner Meinung nach, Gehilfen seines täglichen Lebens darstellen d.h. Einzelhandelskaufleute, Friseure, Kellner usw. Natürlich wird er auch dort die Wechselwirkung beachten, soweit er die Reflektion besitzt und ihm all dies bewusst ist, indem er sich vor jenen, denen er opportunistisch gesinnt ist, derartig verhält, dass er den Gehilfen auch ihren Wert zuschreibt und sie nicht nur als Produkt seines Unterbewusstseins ansieht. Natürlich nur um sich soziale Klout (Punkte) zu verschaffen. Das ist auch alles nicht neu.

Alles auch nicht besonders interessant. Dies wird es erst, wenn man sich die andere Seite ansieht, also Freundlichkeit nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern als den Zweck selbst sieht und sich bewusstmacht, dass eine Gesellschaft, die sich alleine auf die Fortune des Einzeln zum Verdruss des Anderen definiert, vielleicht doch weniger bereithält als ihr Gegenteil.
Wie soll sich also die Freundlichkeit, die nur um ihren Selbstwillen existiert, verhalten?
Zunächst soll sie wie gesagt nicht gewinnbringend sein. Das Ziel der Freundlichkeit oder der Höflichkeit soll sich selbst von jeder Performativität, von jeder kommunikativen Handlung, entfernen. Ich möchte selbst freundlich sein, weil ich in einer Welt leben will, in der Menschen freundlich zueinander sind.
Gott, bitte befreie mich von dieser Naivität und diesem Sandkastendenken, schreit jede Faser meines Körpers. Wie kann jemand denn bitte so blauäugig sein. Der Mensch ist des Menschen Wolf und so. Glaube ich nicht. Ich glaube, dass der Wert der Freundlichkeit zunächst erstmal etwas mit der Wertschätzung des Gegenübers zu tun hat. Daher, sehe ich mein Gegenüber als vollwertige Person an, wie eben schon beschrieben.
Freundlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits führt es zu einer Wahrung der professionellen Verhältnisse, in dem bestimmte Konventionen und Formen bewahrt werden und diese nicht durch bewusste Stilbrüche unterwandert werden, wie wenn ich zum Beispiel einen Freund auf seine hässliche Nase aufmerksam mache und er versteht, dass ich dies nur tue, weil wir eine informale Beziehung haben. Andererseits führt diese, wenn sie über die professionelle Höflichkeit hinausgeht zu Intimität. Daher kann man Unfreundlichkeit als Schutzmechanismus einsetzen, um sich Personen, vor denen man Angst hat, sei aus Zuneigung oder Ablehnung, fernzuhalten. Auch nichts Neues. Der Junge in der Grundschule schlägt das Mädchen, das er süß findet, weil er ihre Nähe nicht aushält… bla, bla, bla.
Wenn wir also diese zwei Wirkungen der Freundlichkeit im Hinterkopf behalten, schlagen wir wieder mit der Motivation auf, obwohl wir diese ja eigentlich außen vorlassen wollten. Man sollte daher glaube ich Motivation und Wirkung trennen. Denn nur wenn die Motivation auf eine bestimmte Wirkung in Folge der Freundlichkeit abzielt, ist sie meiner Meinung nach schädlich. Dann landet man zum Beispiel im Reich der Pick-Up-Artists mit ihren Attention-Economy-Theorien und anderen verqueren Ideen.
Warum kann die Motivation nicht einfach gegenseitiger Respekt und Rettung der Würde des Anderen sein? Kann ich nicht die Barkeeperin auch als gleichwertigen Menschen ansehen oder den Flüchtling nicht nur (zynisch betrachtet) als Pest (von Rechts) oder als Spielzeug zum eigenen Virtue Signaling (von links), sondern als eigenständige Person wahrnehmen? Auf Virtue Signalling (eng. Aktion mit der Absicht seinen eigenen Wert zu beweisen, im Sinne der Selbstdarstellung) ist in diesem Kontext eigentlich auch noch einzugehen, doch das würde zu weit gehen und erfordert seinen ganz eigenen Text.
Eine andere Fragestellung, die sich innerhalb dieses Kosmos auch noch stellt, ist die der ironischen Distanz, die sich vielleicht der Freundlichkeit und den konventionalen Höflichkeitsformen entgegenstellt. Ironische Distanz ist so zu verstehen, dass der eigentliche Umgangston hinter einer dicken, fetten Wand versteckt wird, die sich als eine Art Bunker um die Person formt. Wiederum schützt man sich dadurch vor der eigentlichen Intimität, auf die wir vorhin hingewiesen haben.
Diese ironische Distanz zeigt sich meist in Form von unterschwelligen Bemerkungen oder Statements, die auf der Hand falsch sind, um sich von der eigentlichen emotionalen Tiefe der Aussage zu entfernen. Wenn ich nun also sage, dass ich Schluss mache, weil meine Partnerin zu große Sympathien für die marxistisch-leninistische Weltrevolution hat, beziehungsweise ihren Orientalismus in ihrer Faszination mit dem Nahen Osten auslebt, ist das einfacher, als zu sagen, dass sie einfach kalt und abwesend ist.
Ironische Distanz ist vor allem für längere Bekanntschaften aufgehoben, da sie auf jene, die mit dem Sprecher nicht vertraut sind, meist unwirklich und vielleicht sogar leicht geisteskrank wirken kann. Wer also sagt, dass Public Relations die Staatspresse in der neoliberalistischen Meinungsdiktatur ist, wird von den meisten, bis auf wenige, nicht verstanden werden.

Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung eines Zeitalters der Aufrichtigkeit, dass nicht direkt aber bestimmt korrelativ mit Authentizität zu tun hat. So soll sich eben jene ironische Distanz, die Brücken eher sprengt als baut, auflösen und die ehrliche und verlässliche alte Kommunikation zurückkehren. Wie damals, als man noch auf das vertrauen konnte was der andere sagte und sich nicht stets fragen musste, auf wie vielen Metaebenen man die Aussage nun interpretieren muss.
Die große Revolution der Aufrichtigkeit, die von vielen auch in einer Rückkehr zur tieferen Beziehungen und dem wahrhaftigen Austausch von Meinungen usw. angesehen wird, ist vielleicht nur ein Fiebertraum, aber er ist wunderbar.
Denn ob tatsächliche Aufrichtigkeit überhaupt möglich ist bleibt fraglich. Wenn man jedoch Aufrichtigkeit nur als eine Zuverlässigkeit interpretiert ist diese ohne viele Bedenken erstrebenswert. Sage ich jemanden, dass ich ihm beim Umzug helfe, dann helfe ich ihm beim Umzug. Diese rekursive Haftung, die man für sich selbst und den anderen mit sich trägt ist jedoch nur positiv, wenn sie sich nicht als Floskel ausgibt, sondern wirklich ein Verantwortungsgefühl gegenüber der anderen Person hervorruft.

Wer in der Gesellschaft will nicht freundlich behandelt werden, also außer Masochisten? Der Aufwand ist so gering und trotzdem wird sie nicht selten vernachlässigt unter Berücksichtigung der eigenen Interessen oder der schlichten laissez-faire Attitüde gegenüber seinen Mitmenschen, die sich wiederum in der Blasenrealität widerspiegelt. Die schlimmsten Menschen sind nur zu ihren Freunden nett und behandeln andere Menschen, die nicht in unmittelbarer Beziehung zu ihnen stehen wie den letzten Dreck.
Meine Empfehlung ist, entweder ich bin zu jedem ein Arschloch oder zu niemanden. Wer sollte da widersprechen?
Denn der Wert der Gesellschaft zeichnet im Umgang mit Fremden ab und sogar mit denen, die man aktiv verachtet. Mit jenen sollte man entweder gar kein Verhältnis haben oder zumindest die grundlegenden Formalien des gegenseitigen Verständnisses erfüllen, auch wenn es manchmal schwerfällt, doch nur so tritt man an, um ein besserer Mensch zu werden.
Schlussendlich ist Freundlichkeit die Grundlage jeder Interaktion und wenn sie zu Grabe getragen wird, stirbt die Empathie gleich mit ihr.

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