Kurzgeschichten

Ein Bauarbeiter fällt runter

Jetzt hängt er da. Das Seil, die Sicherung, die ihn eigentlich vor dem Sturz in die Gasse schützen sollte, hat sich um seinen Hals gewickelt. Die Sonne, die nun um 12 zentral über ihm steht reflektiert ein Dreieck oder ein Viereck oder ein Trapez auf seine Stirn, gespalten von den Säulen des Gerüsts. Sein Körper zuckt nicht mehr. Mittag hat uns eingeholt. Dies ist dann doch ein ereignisreicher Tag. Erst hatten seine Beine noch versucht Grund zu erreichen, einen Vorsprung, ein Bordbrett, das ihm zumindest für einen Moment gegeben hätte. Ich könnte mich auch geirrt haben. Aus der Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sah ich es nicht genau. Irgendwie erinnert er mich an einen Mann, der aus einem Sturm gerettet wurde. Ich wundere mich wirklich, warum dieses Seil diesen Mann, der schätzungsweise 80 Kilo wiegt, halten kann. Seine Arme hängen reglos an der Seiten seiner schmalen Brust herunter. Er erinnert mich an einen kleinen Picknickkorb, der auf die Dachterasse, aus einer der darunterliegenden Wohnungen, hochgezogen wird, für ein Dinner über dem Himmel der Stadt. Jetzt packt ein Luftstrom seinen Körper und schaukelt ihn ein wenig herum. Der Wind bläst wirklich stark heute. Er hängt mit seinem Rücken der Hauswand zu gekehrt. Er hat sich gedreht. Vielleicht um seine Scham zu verbergen. Er war gestolpert und gefallen. Ich habe alles gesehen. Die Zigarette ist aus meinem Mund mit einem dumpfen Plop auf dem Aluminiumvordach der restaurierten Reliquie unter mir gelandet. Meine Hände, weiß und nass, setzen auf dem Fenstersims ab. Ich erbreche mich dort wo sich sonst meine alten Zigarettenstummel sammeln und ein Strom läuft an unserer bastfarbenen Hauswand herunter. Bald auf das Fenster meiner Untermieter. Meine Hände sind heiß. Das Seil tut keine Anstalten den Bauarbeiter zu enttäuschen. Es bleibt starr wie eine Sucht. Seine vermeintlich nun leeren Augen schauen wunschlos in das zu renovierende Fachwerkhaus. Ich frage mich wo mein Handy ist, doch erinnere mich, dass nach einer durchlebten Nacht meist der Akku leer ist. Die Gasse in der Mann hängt, verengt sich trichterförmig, doch niemand schein ihn bisher bemerkt zu haben, denn niemand zeigt seine Fassungslosigkeit. Alleine das Geräusch, sollte doch zumindest einige Schaulustige gerufen haben. Ahh, die Ausfahrt in eine der Aderstraßen ist mit Baustellenfahrzeugen zu gestellt, zudem blinken Bauzäune, nein diese gelben Ampel an den Bauzäunen, die sind es die blinken. Ich stoße mit meinem Kopf die eingeschwärzten Rolläden, die zu ¾ offen sind. Anna schläft noch hinter mir, es war wahrscheinlich gestern zu viel für sie. Sie muss nichts davon wissen. Mein Mund fühlt sich an wie die raue Seite eines Schwammes, die meist schwarz ist. Ich bete doch, dass irgendjemanden doch bitte den Mann sehen würde und einen Krankenwagen oder so holen würde. Warum ist denn dieser Vollidiot alleine ohne Beaufsichtigung auf dem Gerüst? Es gibt doch das Partnersystem, schon im alten Rom. Ich kann nicht mehr auf seine Füße schauen, wie sie abgewinkelt, bewegungslos verzagen. Ich selber trage nur eine Boxershort und ein farbloses Tshirt mit der Aufschrift resistance est futile über meinem anorektischen Bauchgewebe. Ich muss mein Handy aufladen.

Nein, endlich ein Schrei, ach wie gut dass jemand weiß, dass man manchmal nach oben schauen muss. Eine korpulente Frau in einem Veloursjogginganzug lässt ihre Stofftasche fallen, bückt sich, holt ihr Handy raus und ruft endlich, die zuständigen Behörden. Ein Ei läuft aus ihrer naturbelassenen Tasche in den Abfluss der Straße, wobei sich Eigelb und Eiweiß zu einer Farbe mischen, die sonst nur bei Menschen mit massiven Leberschäden zu verzeichnen ist. Sie brüllt in den Lautsprecher ihres Telefons, was mich erschrecken lässt. Warum sie so laut ist weiß ich nicht. Vielleicht steht sie unter Schock. Immer mehr Leute sammeln sich um die Frau. Ihre braunen, schwarzen, brünetten Perücken tummeln sich in der Traube, die nun gesammelt nach dem Rechten schaut. Er hängt immer noch da, das wollen sie sich versichern. Ich spucke auf das Vordach, der letzte Rest der Magensäure hat sich verabschiedet. Ich spreize und entspanne meine Finger doch sie zittern noch ein wenig. Weitere Schreie folgen von unten. Eine Mutter verdeckt ihrem Kindergartenkind die Augen. Es wird es später im Fernsehen sehen. Eine Sirene durchbricht die Stille, die sich über die Menschen auf dem Bürgersteig gelegt hat. Mein Bauch ringt sich selbst wie einen dreckigen nassen Lappen. Ich renne ins Bad und kotze erneut. Ich wische Speichelfäden aus meinem Gesicht, schmecke Wodka und Säfte in meiner Kehle und kotze. Ich schlucke, schluchze, fühle mich ausgedörrt und schwindelig. Die Feuerwehr ist mittlerweile auch eingetroffen und ich hoffe nur, dass sie die Sirenen nicht wecken. Haben Playmobilfahrzeuge Martinshörner? Ich schließe das Fenster, schließe die Rollläden, die auf die metallene Schiene krachen und lege mich neben sie auf das rot-weiße Kissen, das meine Oma für mich gestrickt hat. Die Sirenen verstummen. In der Küche, trotze ich dem Essiggeruch, denn ich bin in diesem Moment der Fließträger, schütte den Rest des GHB aus dem kleinen Plastiktütchen auf den Bekväm Servierwagen. Meine Hände sind widerspenstige Fische. Hoffentlich reicht es noch. Schweiß tropft von meiner Stirn und streckt das Pulver uneigennützig. Sollte nicht genug sein, dass sie im Schlaf erbrechen müsste. Ich muss auf der Hut sein. Ich kratze den Rest des Pulvers in ein glänzendes Wasserglas. Fühle es auf und setze mich auf die Ecke der Matratze, tippe sie an, sie dreht sich, streicht ihre Haare aus ihrem Gesicht, ihre Augen sind rot wie die Sonne auf dem Mars, leckt sich ihre Lippen, ich lehne mich über sie, gebe ihr das Wasserglas, sie nimmt es mit beiden Händen wie ein Kleinkind, trinkt, ich küsse sie, sie schläft, sie dreht sich, drückt ihren kleinen Kopf in das graue Kissen. Ich setze mich in den hellen Schimmer, der durch die Rollläden hineinfällt und warte bis alles endlich vorbei ist.

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