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Jung.Sozial.Gutaussehend.

Essen an Bedürftige aushändigen, Gemeinschaftsgärten hegen, Einsatz in Sportverein. Die junge Generation engagiert sich. Erleben wir ein Zeitalter der Selbstlosigkeit oder ist alles pure Pflege des Image? Und macht das überhaupt was aus?

In einem Wartezimmer betreut eine junge Frau eine noch jüngere Frau, die kognitive Schwierigkeiten hat und unter einer Sprachstörung leidet. Sie tritt dem Mädchen mit Respekt und Geduld gegenüber auf, wartet bis sie sich gesetzt hat, spricht mir ihr immer zu und fordert sie heraus, etwas über ihr Leben zu erzählen, egal welche Schwierigkeiten sie hat, jovial und zuvorkommend. Sie wischt ihr über die Lippen, falls sich dort exzessiver Speichelfluss bildet, was allerdings nicht geschieht. Sie erwehrt sich schon jetzt gegen die gehässigen Blicke der anderen Patienten, die sich in ihrer Erholungsphase des Arbeitstages im Wartezimmer des Neurologen gestört fühlen, da die jüngere Frau etwas zu laut spricht und das Echo des Raumes sein Übriges dazu tut. Mit stahlharter Miene maßregelt sie die anderen Leute, die es bloß nicht wagen sollen, irgendetwas gegen sie zu sagen, denn dann würde sie sie aus der Arztpraxis schreien, was ihr gutes Recht ist.
Diese begleiteten Arztbesuche finden jeden Tag in Deutschland statt und die sozialen Helfer schlagen sich Stunden um die Ohren, um die richtige Versorgung für ihre Freunde, Schutzbefohlenen oder Härtefälle sicherzustellen. Sie verziehen keine Miene, wenn die Person auch beim vierten Ansatz nicht in der Lage ist, sie über ihren Arbeitstag zu unterrichten. Sie nehmen es hin und freuen sich ehrlich, wenn Fortschritte gemacht werden. Wenn eine Geschichte fertiggestellt wird oder wenn die Person humoristische Anmerkungen einstreut, beispielsweise über das Essen des vorherigen Tages, erstrahlen ihre Gesichter.
Nach dem Besuch wird sie das Mädchen wieder im Betreuten Wohnen absetzten und am nächsten Tag erneut beginnen.

Unzählige Menschen engagieren sich in Deutschland jedes Jahr. Sei es in sozialen Einrichtungen, in Alters- und Pflegeheimen oder in betreuten Wohneinrichtungen, völlig ohne, beziehungsweise mit minimalen monetären Ausgleich. Dies nennt man im Sprachgebrauch des neuen Jahrtausends soziales Engagement. Ein Beispiel dafür bildet der Bundesfreiwilligendienst, der Menschen „im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich oder im Bereich des Sports, der Integration sowie im Zivil- und Katastrophenschutz“ (Zitat Bundesfreiwilligendienst) einsetzt.
So arbeiten Menschen in integrativen Kindergärten, helfen Kindern mit völlig verschiedenen Biographien sich zu verständigen oder miteinander zu spielen und zu wachsen oder sie kümmern sich um Obdachlose, verteilen Mahlzeiten und gehen mit Bedürftigen zum Amt.
Gleichzeitig setzten Sie sich im ökologischen Bereich ein. In gemeinnützigen Gartenprojekten, die nichts mit dem urban gardening zu tun haben, das Yuppies auf ihren Dachterrassen betreiben oder sie helfen beim Schutz von Natur und Artenvielfalt, informieren und begleiten Gruppen bei Wattwanderungen und Waldspaziergängen.
Dazu kümmern sich Menschen um die kulturelle Bildung, damit diese in Zeiten von inhaltsleeren Influencers, Smart Phones, Desinteresse und Fernsehen, das weder Informationen noch Unterhaltung bietet, nicht verloren geht.
So könnte man sich vorstellen, dass jemand durch ein Theater führt, besonders Kinder wieder für Bühnenschauspiel begeistert und ihnen die alten, vielleicht in ihren Familien nicht präsenten, Kulturangebote wieder schmackhaft macht. Vielleicht arbeiten sie in der Nachmittagsbetreuung und können sich je nach ihrer akademischen Ausbildung dabei in Hausaufgabenhilfe oder sportlichen Angeboten einsetzen.
Dazu tauchen in mehr und mehr Städten sogenannte Begegnungscafés auf, die die kulturelle Toleranz gegenüber anderen stärken soll, in dem man Menschen verschiedener Herkunft einfach mal kennenlernt und sieht, dass sie doch nicht so anderes sind als man selbst und sie nicht schon im Vorhinein in seiner liebgewonnenen Misanthropie gleich abschreibt. Bei diesem Modell ist jedoch fraglich, ob Menschen, die über bestimmte Meinungsmuster verfügen, überhaupt solche Cafés aufsuchen oder ob sie glauben, dass sie auch dort ausgeraubt und vergewaltigt werden. Diesen Dienst müssen dann die Freiwilligen leisten, indem sie Kontakte knüpfen und vielleicht als eine Art Mediator einwirken. Man glaubt ja fast, dass manche Menschen Leute aus anderen Ländern als wilde Tiere begreifen, die man nur im Fernsehen begutachten sollte.

Junge Menschen werden in einem freiwilligen sozialen Jahr dazu eingeladen, der Gesellschaft, die sie in ihrer Mitte aufgezogen hat, etwas zurückzugeben, was sicherlich eine ehrenwerte Tätigkeit ist. Es gibt keinen Wehrdienst mehr, keinen Zivildienst und keine Verpflichtungen mehr, irgendwas zu tun, wenn man die Schule verlässt, außer vielleicht in Ländern wie Neuseeland, wo nach neusten Schätzungen mehr Deutsche als Einheimische leben, seinen Horizont zu erweitern.
Dabei spielt genau das, die Erweiterung des Horizontes, eine zentrale Rolle bei der persönlichen Bildung.
Dies war sicherlich der Ursprung des Wehrdienstes beziehungsweise des Zivildienstes, für diejenigen, die den Dienst an der Waffe verweigerten (altmodische Bezeichnung für ein altmodisches Konzept). In der heimischen Blase, in der das Essen auf dem Tisch steht, wenn man danach schreit und die Wäsche gebügelt ist und in der eigentlich alles ok ist, solange man seinen Alkoholkonsum im Griff hat und die schulische Leistungen nicht unter einen gewissen Schwellenwert fallen, ist der Anspruch an den jungen Menschen ein ziemlich geringer.
Natürlich hilft man bei der Gartenarbeit oder bei eventuellen Arbeiten am Haus. Man erkennt, dass ich mit dem Leben in einer angemieteten Wohnung in meiner Jugend nicht vertraut war. Dennoch birgt diese Arbeitsanstrengung beim Holzhacken oder Müll entsorgen natürlich nicht die gleiche Verantwortung, die spätestens nach dem Auszug auf den jungen Menschen hereinbricht und dabei wirkt ein Einsatz im sozialen Sinne, der vemeintlich nicht dem eigenen Vorteil dient wie ein wunderbares Testbecken für die eigene Selbstverständlichkeit.
Wer will ich eigentlich sein? Bin ich ein altruistischer Mensch, der sich komplett aufgibt, um für das Wohl anderer zu sorgen, oder bin ich ein egoistischer Saftsack, der nur auf seinen eigenen Vorteil guckt und sein gesamtes Leben danach ausrichtet, Geldberge, dann Autos, dann Kinder anzuhäufen? Diese diametrale Auseinandersetzung kann vielen jungen Menschen zu Beginn ihres Lebens begegnen, bis sich dann Grautöne einmischen und alles nicht mehr rechts oder links erscheint.
Dieser Vorgang kann durch eine soziale Konfrontation mit Menschen, die eine komplett andere Lebensvorstellung haben als jene, die der junge Mensch über Jahre gehegt und gepflegt hat, erfolgen.
Diese Erfahrung öffnet den Kokon, den man sich in seiner privilegierten Vergangenheit aufgebaut hat, in der nur Osso Bucco, Q7 und Trips in den Skiurlaub eine Rolle spielten.
Erst wenn die eigene Realität seine Standfestigkeit und seine absolute Gültigkeit verliert, merkt man, in welche Richtungen man sich entwickeln kann. Welche Entwürfe der weitere Weg im Leben bereithält und mit welcher Einstellung man daran arbeiten kann, wirklich etwas für die Gesellschaft zu tun.
Denn das ist ein weiterer Punkt. Im Privileg liegt immer auch der unbedingte Drang zum Individualismus. Jedes Bedürfnis wird erfüllt. Das erste Studentenzimmer wird genauso eingerichtet wie man sich es vorstellt und jeder Moment, der auch nur eine Sekunde des Unbehagens auslöst, wird mit der Kraft einer Atombombe vernichtet. Er wird nicht nur vernichtet, sondern auch in der Zukunft umgangen, indem man sich Situationen, die potenziell unangenehm sind, einfach entzieht. Dadurch entsteht eine Vermeidungsstrategie, die in einer Blase endet, die mit der wirklich echten Realität wenig zu tun hat. Meinungen verfestigen sich wie Zement und der Blick über den Tellerrand beschränkt sich auf den Weltspiegel am Sonntagabend.

Durch den Einsatz in einem sozialen Szenario, für etwas, was einen nicht direkt betrifft, öffnet sich eine komplett andere Welt, die nicht darauf basiert, seinem eigenen Profit nach zu jagen. Dies ist zwar vielleicht wirtschaftlich nicht so förderlich, doch bildet auf jeden Fall die Persönlichkeit aus.
Wenn man sich klarmacht, dass man nicht dazu gezwungen werden muss, der Allgemeinheit etwas zurückzugeben, beispielsweise durch Sozialstunden oder anderweitiger pädagogischer Maßnahmen, die gerne bei Kindern reicher Eltern angewandt werden, gewinnt man eine Sichtweise, die gleichzeitig unfassbar wertvoll und andererseits vielleicht sogar sinnstiftend für den weiteren Lebensweg ist.
Vielleicht gefällt einem ja die Arbeit so gut, dass man den Weg in den sozialen Bereich einschlägt und falls nicht, hat man wenigstens mal was Gutes gemacht.
Das Belohnungssystem im Gehirn kann in diesem Fall eine spezielle Rolle spielen. Helfe ich anderen, kann ich selbst ein Glücksgefühl empfinden. Das ist ganz natürlich. Wenn ich allerdings daraus keinen eigenen Vorteil erwarte, dann habe ich eine höhere Stufe des Menschseins erreicht.
Es gibt keine ultimativen Altruisten, da diese ja sterben würden. Sie würden ihr gesamtes Essen und ihre Kleider und ihre Wohnung anderen zu Verfügung stellen und schließlich auf andere angewiesen sein, es ihnen gleichzutun, sodass eine Kette entsteht, die an irgendeiner Stelle brechen wird.
Zyniker sagen immer, dass (großes H) Helfen eine Form von Selbstbefriedigung ist. Indem man jemanden hilft, befriedigt man sein Selbstverständnis, jemand zu sein, der hilft.
Daran ist aus objektiver Sicht nichts auszusetzen. Denn man hilft und engagiert sich ja trotzdem, und wenn man eben nach dem indirekte Glücksgefühl strebt, sich selbst als jemand wahrzunehmen, der sich für andere Menschen einsetzt, ist das ja auch völlig in Ordnung.

Schwieriger wird es, wenn das Bedürfnis des sozialen Einsatzes nur darauf fußt, gesehen zu werden, wie man anderen hilft und dann Instastories aus dem Altersheim sendet, die Oma Erna zeigen, der man noch einen Löffel Suppe in den Hals steckt. Dort zeigen Hilfsbereitschaft und Engagement ihre Schattenseiten.
Jeder strebt nach Anerkennung und so weiter. Das ist völlig natürlich. Doch sieht er sich selbst als einen gutherzigen Sankt Martin in zerschlissenen Jeans, der durch das Zerschneiden seines Mantels Follower generiert, ist das natürlich problematisch.
Natürlich ist der Mensch eher dazu geneigt zu helfen, wenn er beobachtet wird. Er wird einem Behinderten besonders gerne die Türe aufhalten, wenn eine schöne Frau danebensteht und ihn dafür anlächelt. Dann hilft er jeder Oma über die Straße.
Doch darum geht es mir nicht. Es geht darum Gutes zu tun, um sich selbst zu zeigen, wie man Gutes tut.
Diese Einstellung hat so viel mit Selbstlosigkeit zu tun, wie, wenn ein Vater dem Kind ein Eis kauft, obwohl es die Mutter verboten hat. Das ist nicht der beste Vergleich.
Dieser Ansatz widerspricht dem Konzept der Selbstlosigkeit komplett, denn normalerweise sollte man doch so handeln, als ob man keine Belohnung dafür erwarte. Wenn man also einem Penner von der Straße hilft, nur um sich dann mit ihm in der Bahnhofsmission oder in einem Wohnheim zu fotografieren und über seine eigene Leistung so stolz ist und dann sowas schreibt wie: “Manchmal muss man auch mal zurückgeben“, dann ist das genauso verwerflich wie wenn man ihn mit 20cent Münzen bewirft oder Pfandflaschen per Räuberleiter außerhalb seiner Reichweite platziert.
Die Selbstdarstellung im Kontext der Hilfe anderer ist wirklich pervers, deshalb gibt es bei den meisten Charities, die Möglichkeit anonym zu spenden. So kann man es immer noch von der Steuer absetzen.
Jedoch ist auch dies ein zweischneidiges Schwert und ich weiß auch nicht genau, wie ich damit umgehen soll, denn wenigstes macht man was.
Wenn jetzt ein sogenannter Influencer eine Kampagne startet, die Kindern aus widrigen Verhältnissen Nachmittagsbetreuung, gutes Essen und Hausaufgabenhilfe verspricht, um zumindest ein wenig mehr Chancengleichheit zu schaffen, ist er dann automatisch ein schlechter Mensch, weil er damit gleichzeitig seine eigene Marke fördert? Schließlich ist den Kindern ja geholfen.
Nur ist sie einfach schlimm, diese gehässige und selbstverliebte Art der Menschen zu sehen, die mit Hilfsbedürftigen posieren, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen.

Die Zahl derer, die soziale oder kulturelle Projekte unterstützen, ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen, sei es im Bereich der ehrenamtlichen Tätigkeit oder einfach der freiwilligen Bereitschaft. 14 Millionen Menschen führen in Deutschland ein Ehrenamt aus, also 17% der Gesamtbevölkerung. Dabei ist der Schnitt besonders bei jungen Menschen angestiegen. Während der Flüchtlingskrise zum Beispiel lag der Anteil der unter 30-jährigen Helfer bei 30% und 2015 immer noch bei 15% während sich die Zahl der Älteren stabilisierte.
In einer Studie der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) von 2014 (toll alte Zahlen) antworteten 52% der 16-17-Jährigen, dass sie sich ehrenamtlich engagierten sowie 46% der 18-19-Jährigen.
Dieser Prozentsatz dürfte in Zukunft, speziell in Folge der Erfahrungen und der positiven Resonanz der Flüchtlingshilfe, weiter steigen.
Die Bereitschaft ist definitiv da. Dazu kommt noch ein anderer wichtiger Faktor.
Die Alleinstellungsmerkmale früherer Zeiten, wie ein Handy oder eine teure Jacke oder was man auch immer kaufen konnte, sind meiner Meinung auf dem Weg in die Unerheblichkeit. Das ist keine Kritik am Spätkapitalismus, sondern nur eine Beobachtung.
Die Epochen der Statussymbole, die auf Schulhöfen und in Büros Neiddebatten und soziale Ängste schürten, sind vorbei. Denn jeder besitzt das gleiche Smartphone und Kleidung wird sowieso ohne Label getragen.
Diejenigen, die sich dennoch an die alten Unterschiedlichkeitsmarker festklammern, werden nur noch belächelt.
Die Dinge, die Habseligkeiten, die einen früher noch bestimmt haben, die Kluft zwischen Haben und Haben wollen geöffnet haben, sind in der jungen Generation nur noch Schall und Rauch.
Das eigentliche Kapital der Neuzeit ist die Persönlichkeit und ihre Repräsentation und ständige Neuinterpretation. Der geschärfte und ausgefeilte Charakter ist das größte Gut und das wichtigste Bindemittel in einem Kosmos, der sich durch neue Ideen und die wandelnde Begegnung mit den Mitmenschen immer neu formiert.
Wenn ich also meine Persönlichkeit als Chip einsetze, um den maximalen Gewinn für mich selbst aus einer Situation zu erzielen, (mal völlig unbeachtet sei dabei die bewusste Manipulation anderer) wie sollte ich mich dann aufstellen, um ein positives (= gewinnbringendes) Bild zu schüren?
Der Einsatz für gemeinschaftliche Zwecke wäre ein wunderbarer Anfang. Wenn andere sehen, wie ich mit alten Menschen Rummikub spiele und dabei fleißig streame oder auf einer Autobahnraststätte Müll sammele und das auf Snapchat teile, weiß ich, dass mir die Herzen und Smileys der Menschen zu fliegen werden. Dies schafft ein profitables Image, welches ich dann zu meinem Vorteil nutzen kann, e.g. bei der Partnersuche.
Natürlich ist dieses Konzept nicht neu. Menschen haben sich seit 2000 Jahren in ein positives Licht gerückt. Nur, wenn man den unglaublichen Druck auf die junge Generation versteht, sich selbst zu individualisieren und sich abzuheben, ohne dabei auf gegenständliche Faktoren zurückzugreifen und gleichzeitig Wertschöpfung nur noch im Rahmen einer Persönlichkeitsentwicklung zulässt, dann liegt der Verdacht nahe, dass die Inszenierung des guten Samariters nur ein Move ist, um auf das nächste Level zu kommen.
Daraus entsteht ein anderes Phänomen. Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, sind heute so verschieden wie nie.
Während man früherer das Bild des dreadlock-tragenden Hippies, der den Bus der Kindertagesstätte fährt, vor sich hatte, ist es heute schwierig, eine Unterscheidung der einzelnen Personen in diesem Gewerbe zu treffen. Also stellt sich die Frage, ob es eine soziale Ader beziehungsweise einen Sinn für Verantwortung gibt, oder ob man sich der eigenen Möglichkeiten, die man der Weiterentwicklung seines Profils, die man anvisiert, so bewusst ist, dass man die lächerlichen Gehälter und schrecklichen Arbeitszeiten gerne in Kauf nimmt?
Vielleicht fühlt man sich ja wohl in der Rolle des geschundenen Pflegers, der sich selbstlos für die Alten und Kranken aufopfert und nicht den Respekt bekommt, der ihm seiner Meinung nach zusteht.
Dieses Misstrauen gegenüber sozialem Engagement begleitet mich schon sehr lange und rührt wahrscheinlich aus einem abschätzigen Verständnis der menschlichen Motivation, die ich immer als selbstpräservierend aufgefasst habe, egal wie viele Transferebenen (=im Sinne von Darstellung oder indirekter Befriedigung) man überschreiten muss. Am Ende ist man sich sicher, dass einem die Tätigkeit, die man freiwillig oder mit katastrophaler Entlohnung ausübt, gut für den weiteren Lebensweg ist, wenn man es nur laut genug von den Dächern schreit.
Besonders in den Großstädten profiliert man sich als besorgter Mitmensch, der das Wohl der anderer vor das Eigene stellt, um bloß dem Ideal des progressiven Mannes von Welt zu entsprechen. Man pflanzt mit sehbehinderten Moorrüben an, leitet Führungen in Museen und Dialogcafés, nur um dem beißenden Gefühl Herr zu werden, das im hinteren Flügel des Gehirns sitzt, irgendwo neben Instinkten, Reizen und Wollust, das da sagt, als wäre es in einer alten Hornbachwerbung:
„Es gibt immer was zu tun. Du tust zu wenig. Die anderen denken, du wärst ein schlechter Mensch. Willst du wie ein Unternehmensberater dastehen, der mittags bei Vapiano über seine Holzvertäfelung redet? WILLST DU DAS? Du hast das Privileg, dir deine Zeit so einteilen zu können wie du willst, also hast du auch die verdammte Pflicht etwas daraus zu machen. Denk doch nur an die Armen, die Schwachen, die Hilfsbedürftigen. Denk doch bitte an die Kinder, die am Hungertuch nagen. Denk doch an alle, die sich Fremdenfeindlichkeit gegenübersehen. Hast du keine Ehre, hast du kein Selbstwertgefühl, du arroganter Spasst. Das andere Geschlecht wird dich verachten, deine Freunde werden dich verlassen, du wirst dann allein vor deinem Birkenholzschreibtisch sitzen und an die gute alte Zeit zurückdenken, an dem es dich doch nur eine Sekunde interessiert hat, wie es anderen Menschen geht. Du dummer Wichser, weißt du nicht, was du für ein Glück hast? Gib etwas zurück. Gib etwas zurück. Gib etwas zurück. Du wirst es nicht bereuen.“

Vielleicht leiden Menschen unter diesen Gewissensbissen und setzten sich daher für etwas ein, an das sie glauben, oder vielleicht sind sie wirklich nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und das soziale Engagement gehört wie das Fitnessstudio zu einer ausgewogenen Persönlichkeit einfach dazu. Vielleicht ist die wabernde Neuzeit, die die soziale Achtsamkeit mit sich brachte ein gutes Zeichen. Sicherlich ein Fortschritt gegenüber dem „Eigenheim in 10 Jahren“-Denken, das in den 80ern propagiert wurde.
Außerdem wird den Bedürftigen ja wirklich geholfen. Es ist ja kein Nullsummenspiel. Je mehr Menschen sich engagieren, desto besser geht es denen, die auf die Hilfe angewiesen sind und die Gesellschaft zeigt sich offener. Ein Faktum, das manche ältere Männer zur Weißglut treibt, und sie duldet keinen Rassismus, da dieser einen Rückschritt bedeuten würde, denn mit der Achtsamkeit hielt auch die Empathie Einzug in die Köpfe.
Daher sollte man doch sicherlich jede Strenge, die vielfältigen Motive zu hinterfragen, erlöschen lassen. Wenn soziales Engagement heute wie Joggen, Make-Up, Zirkeltraining oder japanische Möbel als Teil der Selbstoptimierung daherkommt, ist das doch wunderbar. Oder? Ich weiß es wirklich nicht.            

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