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Ist die Partei Die Partei nur Guerillamarketing der Bierlobby?

"Knallt rein" als Spruch auf Wahlplakaten. Alkoholkonsum in Werbespots, Dosen und Flaschen in Videos. Steckt hinter der Partei Die Partei nur eine Werbestrategie?

Die politische Entscheidungsbildung im Parlament beruht nur auf dem Gewissen des Abgeordneten. Das weiß jedes Kind. Er ist weder Geld noch anderer Schmiermittel unterlegen. Es widerstrebt ihm, sich als ein politisches Instrument eines Großkonzerns benutzen zu lassen. Es liegt ihm fern, seine Gesetzesentwürfe nach den Interessen eines multinationalen Spenders zu richten. Er lässt sich diesen Vorwurf nicht gefallen, denn dieser würde seine grundsätzliche Integrität als Diener des Volkes, und nur des Volkes untergraben. Er hält sich bedeckt und schweigt zu den widrigen Anschuldigungen, die immer wieder von der misstrauischen Presse geäußert werden. Die es nicht glauben, dass der politische Prozess dem Ideal derer entspricht, die die Verfassung in dreckigen Hinterzimmern schweißgebadet mit ihrem eigenen Blut geschrieben haben. Sie unterstellen, dass eine globalisierte Welt gar nicht anders kann, als eine zumindest platonische Beziehung zu prominenten Unternehmen, in welcher Nische auch immer, zu unterhalten.
Sie haben gelernt aus den Spendenskandalen der 90er Jahre und den Ehrenwörtern des Mannes aus der Pfalz und sie sind wachsam geworden wie ein Förster, der die demografische Entwicklung von Wildschweinen mit Argwohn hinnimmt. Wenn ein Kind einmal eine heiße Herdplatte anfasst, wird es sich beim nächsten Mal überlegen, ob es wieder zugreift. Die Blasen auf der Handinnenfläche bleiben ihm ein schmerzhafter Deckzettel.
Politiker werden sehr prickelig, wenn man sie nach eben jener Beeinflussung fragt. Man wolle Transparenz bei der Entscheidungsfindung, alle großen Spenden würden aufgedeckt und die Dax-Konzerne spendeten sowieso keinen einzigen Cent. Doch ist die Verstrickung von Politik und Industrie ein ewig verworrenes Netz, das keinen wirklichen Durchblick erlaubt und die Skeptiker werden von Vorkommnissen wie dem Dieselskandal nur noch in ihrer Weltanschauung bestärkt.
Ist die Politik ein Bittsteller an die Industrie? Ist die Industrie die Mätresse der Politik?
Besonders in der Bundesrepublik, in der das Parlament eine Art Vorsorgeversicherung für den Erhalt von Arbeitsplätzen darstellt, mag es manchem so vorkommen, als würden Unternehmen nur zu gerne eben diese als Chips auf dem großen Pokertisch einsetzen. Da werden Unternehmen gerettet oder finanziell unterstützt wie jüngst Air Berlin, da werden steuerliche Zugeständnisse gemacht, so geschehen in der dunklen Vergangenheit der FDP, von der heute niemand in der Partei gewusst haben will. Dort werden Subventionen ausgeschüttet, um Anreize zu schaffen, dort werden in der Biographie der Bundesrepublik Treuhandgesellschaften gebildet, bla bla bla und so weiter und so fort.
Die Liste der Anschuldigung ist lang und extensiv, da wird von Versuchen, berichtet den Atomausstieg zu bombardieren, da wird darüber geredet, dass ausländische Investoren den Markt deutscher Eier zu infiltrieren. Wie genau ist denn die Politik mit den Verbänden, den Unternehmensvertretern und den Rechtsanwälten verbandelt. Werden Gesetze wirklich in Anwaltskanzleien geschrieben oder ist dies nur das Wunschdenken der Systemkritiker?
Wie viele der c.a. 4000 Lobbyisten in der Hauptstadt haben ständigen Zugang zu Abgeordneten und treffen sich mit ihnen in den wunderschönen, englischsprachigen Eateries mit naturbelassenen, offenen Ziegelmauerwerk und riesigen Kaufhausfenstern, die im ständigen Wechselspiel mit der heimeligen Deckenbeleuchtung und der natürlichen Lichteinstrahlung endlich authentische Gespräche zulassen, während extravanganten Variationen von Brick-Pressed Half Chicken with Pancetta, Black Kale, Citrus Jus und Maltagliati with Porcini, Pioppini, Dandelion Greens, Sage, Grana, Saba unter den pikierten Blicken von Jens Spahn serviert werden?
Es werden Fragen aufgeworfen, beispielsweise, warum es keine zentrale Lobbykartei gibt, in der die relevanten Vertreter eingetragen sind? Zentrale Fragen der Transparenz werden geäußert und mit geschärften Klingen debattiert, doch in den niederen Regionen der Parteienlandschaft, bei den sogenannten kleinen Parteien, geht man mit diesem Umstand extrem relaxt um. Vielleicht weil man sich seinem eigenen Vorteil bewusst ist, maybe.

Product Placement ist ein zentraler Einflussbereich, den sich Firmen zu Nutze machen, um ihre Produkte nativ, wie man in der Fachsprache sagt, das heißt ohne direkten Kaufaufruf, an den Mann oder die Frau zu bekommen. In einer Zeit, in der sich die Werbungindustrie strukturellen Probleme entgegensieht, wurden schnell andere Möglichkeiten entwickelt, um ein 4-sektoren relevantes Erzeugnis in einer Weise zu platzieren, die den direkten Kontakt mit der Ware vermeidet, in dem sie dem Kunden nur als Beiwerk und nicht als essenzieller Gegenstand des Inhaltes gezeigt wird. Im analogen Fernsehen werden Waren im Hintergrund platziert, sodass der Zuschauer sie nur unterbewusst wahrnimmt, sie aber, wenn man ihn in der Marktforschung danach fragen würde, später nennen könnte. Nun haben, aus verschiedenen Gründen, Sender, im altertümlichen Fernsehen, Schritte unternommen, um diese Produkte zu kennzeichnen. Sportjournalisten werden von dieser und jener Klamottenmarke ausgestattet. Sendungen werden von diesem und jenem Fastfood präsentiert. Dadurch wird dem Zuschauer zumindest der Anspruch an eine gewisse Transparenz suggeriert und die Kommerzialisierung trotzdem nicht gestoppt.
In den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist das altdeutsche Wort Schleichwerbung schon lange ein verfemtes Machwerk, das unter drakonischer Strafe steht, was sich in der Praxis so darstellt, dass die Macher und Moderaten der öffentlichen Sendungen immer vergleichbare Alternativen zu dem Produkt nennen müssen, welches sie in einem Moment der Unachtsamkeit genannt haben. Dies birgt oft enormes Comedypotential. Jan Böhmermann als staatsmännischer Satiriker ist da ein Meister seines Faches.

Auch Youtuber sind aufgrund ihrer Nähe zum zielgruppenrelevanten Marketing unter Beschuss gekommen. Das Konzept des Hauls, in dem ein Präsentator seine Drogerieeinkäufe präsentiert, stellt sich unter genauerer Betrachtung als große Teleshoppingvorstellung heraus. Die genaue Beziehung zwischen Youtubern und jungen, fetzigen Unternehmen steht schon lange unter Verdacht, ziemlich fraternisierend zu sein, um im Sprachgebrauch der akademischen Lehre zu bleiben. Aber auch gutbürgerliche Versandhändler haben sich Youtuber schon zum Sprachrohr gemacht, was sich als ziemlich albern darstellt. Natürlich vermarkten sie nach gewisser Zeit auch ihre eigenen Erzeugnisse. „Wenn du so aussehen willst wie ich…, dann musst du dieses Shampoo kaufen?“
Sie sitzen vor ihren glitzernden Wänden und schwadronieren über die Schnelllebigkeit der Neuzeit und dem Eklektizismus der Patronage und am Ende stehen die Kappen und Schühchen oder Nagellackentferner zum Verkauf. Aus diesem Grund werden Youtuber nicht ernst genommen und werden auch niemals werden. Ellenlange Listen an affliate links zu Waren, die im Video eine minderrelevante Rolle spielen, finden sich in der Beschreibung, was dazu geführt hat, dass in den letzten Jahren zahlreiche solcher Produzenten ihre Unterstützer aufdecken mussten und ihre Videos mit einem Hinweis, der die Produktunterstützung bestätigt, garnieren. Soweit so gut, trotzdem bleiben populäre Youtubekanäle ein riesiges Marketingtool, aber zumindest ist man ein wenig ehrlicher geworden.

Was passiert nun also, wenn eine Organisation ihre Öffentlichkeitsarbeit in einer Weise gestaltet, die die Vermutung zu lässt, dass sie doch amouröse Beziehung zu einer bestimmten Marke bzw. Marken hat, besonders wenn diese Organisation eine politische Partei ist, die zumindest den Anspruch hat, offen und integer zu sein?
Wird dann die Empörung laut, die Partei würde sich mit unlauteren Mitteln finanzieren oder läge der Eindruck nahe, sie wäre sogar nur eine raffinierte Marketingidee einer der ältesten deutschen Industriezweige, vergleichbar mit obigen Influencern?
Diese Frage muss man stellen, wenn man die Videos der Partei Die Partei betrachtet, die nun vor der anstehenden Bundestagswahl immer wieder durch das Internet geistern und bei den hippen, Mitzwanzigern riesigen Anklang finden, weil sie die maroden Zustände des gegenwärtigen politischen Diskurses ihrer Meinung nach demaskieren und persiflieren.
Die Partei Die Partei wurde 2004 von hohen Mitgliedern des Satiremagazins Titanic gegründet und genießt seither große Popularität, besonders in Gruppen, die man salopp als ironische Hipster bezeichnen könnte. Der größte Coup der Partei Die Partei war bisher der Einzug des Satirikers Martin Sonneborn ins Europaparlament 2014, dem Jahr, in dem Deutschland zudem die Weltmeisterschaft gewann.
Die Partei Die Partei inszeniert sich als basisdemokratische Volkspartei, wie der Name verlauten lässt, die den verkrusteten Altparteien ihre Grenzen aufzeigen möchte und möglichst innovativ und mit unkonventionellen Methoden Sympathien besonders in der Riege der Nichtwähler beziehungsweise der Politikdesinteressierten gewinnt. Diese Hypothese werden Funktionäre und Parteiführung sicherlich bestreiten, ist mir aber egal.
Die Partei Die Partei betreibt dabei, wie es in der Fachsprache heißt, Realsatire, was bedeutet, dass sie, obwohl mancher ihr den Gestus einer Spaßpartei unterstellt, eine echte gemeldete Partei ist, die zur Wahl steht und von jedem deutschen Bürger über 18 Jahren gewählt werden kann. Realsatire meint in diesem Sinne, dass die komödiantische Auseinandersetzung mit dem politischen Betrieb nicht auf einer Bühne, sondern in der Wirklichkeit stattfindet. Die Partei ist durch zahlreiche basisdemokratische Aktionen aufgefallen, erst kürzlich durch die Forderung, Touristen aus Berlin auszuweisen oder die innerdeutsche Mauer wieder zu errichten, um sich so einer der Altlasten von 1990 zu entledigen.
Im Wahlkampf 2017 gibt sich die Partei Die Partei sehr angriffslustig und offensiv. Sie will mit Porno und Pointen den faden Meinungsbildungsprozess aufmischen und die Bürger zu einer Willensbildung motivieren, die von Vertretern und Wahlkampfleitern der alten Parteien vielleicht als unseriös oder geschmacklos bezeichnet werden würde.
Dort werden Frauen auf Toiletten gezeigt, die das Programm herunterbeten. Schreiner mit unverkennbaren Bärten stellen kreuzförmige Holzschnitzereien her, die an eine Zeit erinnern, die manches neue Bundestagsmitglied als nicht so schlecht ansieht. Sie arbeiten sich ab, an den Uniformen der Nazis und dem Führungsstil des Diktators, dort werden Schärpen verteilt, dort Armbinden und immer wieder wird mit Tabubrüchen beziehungsweise Simplifizierung gespielt.
Der Slogan, soweit es sich aus meiner Warte erkennen lässt, ist derzeit „Wählt Die Partei; sie ist sehr gut“, was einerseits den Bürger direkt anspricht, die Vorzüge der Partei herausstellt und gleichzeitig den Gang an die Urne motiviert. Dieser ist aussagekräftig und eindeutig – short and sweet.

Zudem fällt sie mit Internetguerilla auf. So verkündete der namenhafte Internetpolizist Shahak Shapira vor einigen Monaten, dass er und andere seit Beginn des Jahres rechte Facebookgruppen übernommen und diese privat geschaltet haben. Dies und andere Aktionen deuten auf die Vielfältigkeit und die Ingenuität der Aktionen hin, die von der Partei Die Partei ausgehen.
Allstarblogger wie Stefan Niggemeier und Sasha Lobo attackieren die Partei Die Partei scharf und machen sie fast schon allein für den Zuwachs der AfD verantwortlich. Sie würde Nichtwähler anstacheln und Politik lächerlich machen, bla bla bla.
Ist sie wirklich ein Trittbügelhalter für eine rechtspopulistische Partei, da sie den etablierten Parteien Stimmen klaut? Ist Politik so einfach? Die Antwort ist natürlich, Nein. Die Partei Die Partei ist eine basisdemokratische Partei, die Realsatire betreibt und das ziemlich erfolgreich, wenn man die Medienaufmerksamkeit als Maßstab nimmt.

Jedoch verbirgt sich ein dunkler Schatten hinter jenen grundsoliden, programmatischen Plänen der Partei Die Partei, die Politik für die depressiven, sich selbsthassenden Pessimisten machen soll, die mit dem System sowieso schon abgeschlossen haben.
Hinter dem Porno und Saufwahlkampf steckt eine perfide Marketingstrategie, die zynischer als jeder AfD-Versteher daherkommt. Nach langer Recherche und Stunden um Stunden, die ich mit der Sichtung von Videomaterial verbracht habe, kann ich nur zu einem Schluss kommen.
Die Partei Die Partei ist eine Lobbygruppe und ein realsatirisches Erzeugnis der deutschen Bierindustrie.

Die Anzeichen werden klarer bei jeder Betrachtung eines Videos, in denen alkoholische Kaltgetränke rank und schlank in bestem Licht im Vordergrund stehen und diese teilweise auch konsumiert werden.
Die Getränke, die dabei besonders herausstechen, sind das ostdeutsche Kulturgut Sternburg Export, eine 100%ige Tochter des Radeberger Konzerns und außerdem das leitmotivierte Antlitz des bürgerlichen 5,0 Bieres der Brauerei Braunschweig, das vor allem durch sein minimalistisches Design auffällt, welches den ausdrücklichen Verzicht auf expansive Marketingkampagnen verdeutlicht. Dies wirft den ersten direkten Konflikt auf, der sich in der Folge durch die komplette Gesinnungs- und Deutungsmaschinerie der Partei Die Partei ziehen wird.
Die Flaschen sind das prominenteste Merkmal der Videos neben den manchmal anzüglichen Darstellerinnen, beziehungsweise der sozialistischen Präsentationskultur (schwere Blazer und Jacketts in gestreiften dunklen Farben, farbloser Hintergrund), die sich die Spots zu Nutze machen.
Der interessante Schachzug, durch den die Partei Die Partei diese Produktpräsentation kaschieren will ist eine sogenannte sozioökonomische Verortung, der Akteure. Sie stellen sich mit Mitteln der gegenständlichen und ästhetischen Merkmalsbildung als Mitglied derjenigen Bevölkerungsschicht dar, mit der die Biermarken nach kulturellen Gesichtspunkte gerne verbunden werden. Die Rede ist von der Unterschicht, die es heutzutage nicht mehr gibt. Es gibt keine Flaschensammler, keine Altersarmut, keine Asozialen, zumindest nicht im politischen Sprachgebrauch.
Man könnte eine ganze Dissertation schreiben über diese Billigbiere, warum sie, besonders 5,0, heutzutage Kultstatus haben und weshalb junge, hippe Leute, sich mit dem Bier ablichten lassen, um sich als jemanden zu kennzeichnen, der noch der Arbeiterschicht angehört. Armut ist wieder cool. Das ist alles sehr kompliziert.
Dieser ästhetische Move bringt die sogenannte Seriosität und Bürgernähe, die von den anderen Parteien nicht ausgeht. Besonders in Ostdeutschland ist Sternburg Export ein Exempel für eine Volksnähe, die vielen der etablierten Parteien abgeht.
Da wird gesagt:“ Der/Die trinkt Sternburg Export, der/die ist eine von uns.“ Ob man daraus eine Milieustudie ableiten könnte bleibt anderen überlassen.
Erst bei der bewussten Kaschierung der Nähe zum Konzern wird jener Vorgang problematisch, denn indem es der Partei Die Partei nur um den Ausdruck von Nähe und Glaubhaftigkeit geht, so zumindest in der Darstellung, tritt das Marketing in den Hintergrund und bleibt als subversiver Aspekt des Videos zurück.
Vergleiche zu Rasenballsport Leipzig bieten sich an.
„ich habe gerade ein Video der Partei Die Partei geguckt und jetzt verspüre ich den unglaublichen Drang ein kühles 5,0 Bier zu trinken. Komisch, oder?“   
Dabei spielt besonders die fehlende Kennzeichnung der Produktunterstützung, falls diese existiert, eine Rolle.
Die Partei Die Partei ist scheinbar der Auffassung, dass sie aufgrund ihrer relativen Größe keine Transparenz an den Tag legen muss, jedoch ist das bei Videos, die auf der Plattform Youtube, teilweise Klickzahlen im oberen sechsstelligen Bereich erhalten, nicht mehr glaubwürdig so muss man sich zwingend die Frage stellen, ob die Partei Die Partei niedere Motive besitzt, zum Beispiel als unterschwelliges und subversives Werbetool der Bierindustrie?
Es wird nicht nachzuvollziehen sein, ob die Partei Die Partei wirklich von Bierkonzernen unterstützt wird, da dies tatsächlich nicht auf monetärer Basis, die dann die Offenlegungspflicht aufruft, passieren könnte, sondern auch auf Sachbasis, beispielsweise in Form von Repressalien.
Es bleibt abzuwarten, ob diese Kontroverse von einer investigativen Nachrichtenorganisation aufgegriffen wird und die Verantwortlichen dazu Stellung nehmen. Bis dahin ist nur das festzuhalten. Sternburg Export ist super.

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