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Posttraumatische Bücherregalstörung

Bücherregale sagen einiges über ihren Besitzer. Die Angst, die Demütigung, die man beim Eintreten eines Gastes erlebt, ist real.

Er saß neben jemandem, den er schon lange kannte, in dessen Wohnung und schaute sich um. Warum er das tat, wusste er nicht, denn er hatte sich schon bei seinem ersten Besuch die einzelnen Details des Wohnzimmers eingeprägt und trotzdem, da er sich sicher war, dass sein Freund im Großen und Ganzen nicht viel mit der Inneneinrichtung des Zimmers zu tun hatte, fühlte er jedes Mal wenn er wieder da war, das Verlangen, die Veränderungen, die sich in der Zeit, zu untersuchen.
Die Mitbewohner, die allesamt das Spektrum der wechselnden Lebenseinstellungen verkörperten und diese mit dem Joie de vivre von Festivalgängern auslebten, hatten ihre Spuren sichtlich in der DNS des 4-Zimmer Gebildes hinterlassen.
Soweit so gut, dachte er sich, daraus konnte er dem Freund keinen Strick drehen. Nur, dass er auch noch mit seiner Freundin zusammenlebte, jedoch nicht alleine, sondern mit ihr und zwei weiteren Gefährten, die sich dieser Konstellation anscheinend unterordneten, samt all ihr Tücken und Hindernissen, denen sie sich sicherlich im Alltag ausgesetzt sahen.
So strahlte das Wohnzimmer eine fast schon klischeehafte Weiblichkeit aus, die sich daraus ergab, dass eine weitere Mitbewohnerin dieser Gruppe von Menschen angehörte und sich nicht zu schade war, ihren Einfluss auf den anderen Spießgesellen, der in einem Verschlag am Ende des Flures hauste, auszuspielen. Sie war ihm in jeder Hinsicht überlegen. Nur zum Vollmond wurde ihm eine Entscheidung zugesprochen und das eher aus einem Spieltrieb heraus, denn sie würden sicherlich seine Wahl wieder revidieren, egal was er tat.

War nun über die Einrichtung der Wohneinheit zu erkennen, ob er seine Persönlichkeit in den Raum miteinfließen ließ?
Sicherlich konnte er über die Herkunft der einzelnen viktorianischen Möbelstücke keine genauen Aussagen treffen.
Ein südamerikanischer Wandteppich hing zwischen den zwei Fenstern und darunter standen Figuren, die aussaßen wie diese russischen Puppen, die immer eine kleinere Puppe in sich tragen. Das Wort fiel ihm nicht ein. Mamuschka oder Pupuschka, oder so, aber die Figuren sahen an sich auch überhaupt nicht russisch aus. Allein das Klima der Figuren oder die Bemalung hatten nichts von Temperaturen unter dem 0 Punkt.
Sie wirken, wie sagt man, latinoesque. Als wären sie von einem Seefahrer im 16ten Jahrhundert eingesammelt und in die alte Welt zurücktransportiert worden. Sie zeigten Monster und andere übernatürliche Geschöpfe, die von dem ein oder anderen Volksstamm, zu der einen oder anderen Zeit, an dem ein oder anderen Ort angebetet wurden.
Natürlich war er sich sicher, dass sie fabrikneu und in Massen hergestellt waren, doch sah er ihre Gesichter immer noch so erschreckt an wie es die Ehrfürchtigen in früherer Zeit angesehen haben mussten.
Irgendwie gaben sie dem Raum eine aggressive Basisatmosphäre, die sich Gott sei Dank legte, nachdem der Freund eine Pflanze, deren genauen Typus er nicht (er wusste nicht mal ob Pflanzen nach Typen bezeichnet wurden) bestimmten konnte, vor die Figuren schob und sich wieder setze.

Er schaute sich weiter um und sah eine Tafel, nein, ein Korkbrett, auf dem super viele Noveltypostkarten aufgehängt waren.

(„Der frühe Vogel kann mich mal!“, „Schon viel zu lange Student“ mit einem Skelett, „Hier kann jeder machen was ich will“, „Nüchtern betrachtet war es besoffen besser“ und eine Hand voll deutscher Sprichwörter, die auf Englisch übersetzt wurden wie „don’t play the offended liversausage“, „I believe my pig whistles“ oder „I think you don’t have all the cups in the cupboard“)
Für einen Moment fragte er sich, wer diese Postkarten designte und ob er eine Laufbahn darin einschlagen sollte, doch dann erinnerte er sich, dass die Suizidrate in der Postkartenindustrie 4% über der des durchschnittlichen, deutschen Arbeitnehmers lag.
Weiterhin fragte er sich, wo man diese Postkarten überhaupt herbekam und erinnerte sich, dass diese meist in kioskartigen Aushängeständen in den Türen und Eingangsbereichen von Clubs lagen, beziehungsweise als humoristische Einladung von Fachschaften oder Studentenvertretungen, während der einschlägigen Einführungsveranstaltungen, ausgegeben wurde.
Dort spielte man mit der Rücksichtslosigkeit oder anderen verstaubten Vorurteile, die doch noch das ein oder andere Lächeln auf die Gesichter der neuen Schüler zauberten.

„Studenten sind wirkliche bessere Menschen“, dachte er sich und sein Freund kam mit zwei kleinen Colas aus der Küche und ließ sich in seinem viel zu langen Tanktop neben ihm nieder.
Sie unterhielten sich über dies und das. Über die Arbeit, die Digitaldates, die armen Menschen, die sich in ihren Wohnungen verschanzten und soziale Kontakte als ein Folterwerkzeug ansahen. Er wollte seine Aufmerksamkeit auf keinen Fall auf die tektonischen Veränderungen in diesem Wohnzimmer richten, doch immer wieder gruben sich die Schandflecke, die sich Inneneinrichtung schimpften, in sein Unterbewusstsein ein und fügten ihm elektrische Schocks zu, so wie es einem Hund ergeht, der ein Halsband trägt, das ihn wissen lässt, wann er die Parameter des für ihn eingerichteten Grundstücks verlässt.
Sein Unwohlsein wollte er gleichzeitig mitteilen, weil er ihm wirklich ein lieber Freund war und dann doch nicht, da er wusste, dass er sich verletzt fühlen würde, unerheblich seines Einflusses auf das Design des Raumes. Während sein Freund über die schändlichen Auswirkungen der Massentierhaltung und den lächerlichen Anspruch der Deutschen jeden Tag Fleisch zu essen philosophierte, hing das Interesse des Jungen am seidenen Faden, da er die Diskussion schon zum hundertsten Mal gehört hatte und sie immer in der Frage nach der Nachfrage endete. Vielmehr wunderte er sich, warum sich sein Kopf immer wieder in die rechte Ecke des Raumes zog wo ein wunderschönes, individuelles Bücherregal stand, das sogar noch stilecht, wie in einem Museum, von zwei Leuchten in Szene gesetzt wurde. Diese waren jedoch nicht an.

Er dachte über die Bedeutung des Bücherregals in der heutigen Zeit, aber auch in seiner kulturellen Bildung nach, wobei er den Bogen, den der Freund nun zur Umweltverschmutzung und TTIP spannte, völlig verlor.
Er schuf sich seinen eigenen Kokon, in dem nur die Frage, die er sich selbst stellte, existierte und die Welt um ihn herum immer weiter verschwamm, als würde man einen sehr inhaltlich-restriktiven aber künstlerisch-wertvollen Filter in einer Kamera verwenden.
Irgendwie trieb er davon und vergaß, wo er war. Nur ab und an nahm er einen Schluck aus seiner Colaflasche, die übrigens seit einigen Jahren nicht mehr über die gleiche Plastikdichte, die er zuvor geliebt hatte, verfügte.
Die Brausefirma hatte anscheinend rationalisiert und so wären sie eigentlich gezwungen gewesen, ein lokales Unternehmen zu unterstützten, doch waren sie sich unsicher, wie dieser Move auf ihre Freunde und ihre Freundinnen wirken würde, denn wenn sie eines nicht sein wollten, dann war es kultig zu sein.

Keine Schiebermützen,

keine schweißgebadeten Holzfällerhemden,

keinen Flat White im Café,

keine auswuchernden Bärte,

keine großen, eingerahmten Brillen,

keine Meinung vorhalten,

kein politischer Protest, der in Selbstdarstellung endet,

kein Grillen im Park,

keine Indiemädels in Yogahosen und langen Pullovern,

keine Sonnenuntergänge mit Kumpels am Mainufer und Instastories, die die erhabene Stimmung festhielten,

und vor allem keine lokalen IPAs in Arbeiterkneipen.

„Was ich auf keinen Fall sein möchte“, dachte er sich, und doch sorgte er sich um die Arroganz, die damit einherging.
„Gott, lass die Leut doch einfach machen, was sie wollen“, hatte seine Mutter immer gesagt.
Der Hang zur Belehrung, zur Bewertung und zur Abschätzigkeit nahm ihn immer wieder ein und verbrannte sein Inneres, löste den Hass in ihm aus, den er so ziemlich zu seinen schlechtesten Eigenschaften zählte, jedoch auch zu dem, was ihn als soziales Ungetüm ausmachte.
Abgründe taten sich immer auf und doch wusste er, dass er diesen weder Einhalt gebieten konnte, noch, dass sie sich irgendwie negativ auf seine Beziehungen auswirkten, da er sie nicht zeigte.
Der Hass war sein Findelkind, der ungeliebte Sprössling, den er in einem hinteren Zimmer einsperrte und der sich nicht in die Öffentlichkeit wagte, noch die Möglichkeit seinerseits bekam, dies zu tun.
In der temporalen Inkontinenz, die er spürte, ohne ihren Ursprung zu kennen, klopfte er, der Hass, immer wieder an die Tür des Zimmers, denn er wollte raus, wollte draußen spielen und gedeihen, wollte sich sichtbar machen, doch er hielt ihm die eiserne Hand vor und behielt ihn im Stillen, ohne ihn zu vernachlässigen, denn es war ihm bewusst, dass er ihn brauchte und dass der Hass ihn stärkte. Sie befanden sich in einer Zweckbeziehung, in einer Kodependenz, die unzerstörbar und wichtig für ihre geistige Gesundheit und ihr schieres Überleben war.
So verweilte seine Aufmerksamkeit auf dem schwarzen Bücherregal und er sortierte die Inhalte, die er darin fand. Er lud den Hass ein und dieser antworte.

Was war das Bücherregal in einer digitalen Zeit? Wenn er sich den Deutschen als Solchen vorstellte, wusste er, dass dieser sehr stolz auf die kulturellen Errungenschaften seiner Mitbürger und derer, die vor ihm lebten, war.
Er stellte ihn sich vor als alten Recken, als gebildeten Akademiker, der abends vor einem knisternden Kamin sitzt und auf seine literarischen Schätze blickt.
Der in seinem Ohrensessel sitzt und dahinschwelgt. Das Land hatte so viele Helden hervorgebracht und er kannte sie alle.
Der Deutsche war glücklich, nur dann, wenn auch andere, seien es Besucher oder Geliebte oder die Familie verstanden, dass er sie doch alle gelesen hatte oder sie noch lesen würde. Das gesamte kulturelle Kapital, dass er über sein Leben angehäuft hatte, stand reglos und lasziv im Lichte des Kamins und er sah es natürlich als sein gutes Recht an, dieses auch zu präsentieren.
Schließlich war er gleichzeitig der Kurator und Besitzer der Ausstellung, die sich in einem Wohnzimmer abspielte.
Er wollte dafür geliebt werden, geschätzt werden, für seine Ingenuität, für seine unglaubliche Schärfe, mit der er die Werke anordnete, für die wahnsinnige Tiefe, die sich in seiner Sammlung bot, denn er hatte natürlich nicht nur die Klassiker aufgestellt, sondern auch die Geheimtipps, die ungekannten und unerforschten kleinen Büchlein mit den kleinen introspektiven Inskriptionen, die nur er hatte und auf die er gerne angesprochen werden wollte.

Verstaubtes Denken würden die einen sagen, doch er glaubte, dass die Fetzen, die Fossilien, die Rückstände dieser Art noch immer in den Köpfen der jungen Menschen Platz fanden und sich dort auf ihr Selbstverständnis auswirkten.
Denn auch sie wollten noch dem Ideal entsprechen, wollten geschätzt werden und wollten sich bestätigt sehen. Das war doch allgegenwärtig bekannt. So unternahmen sie unglaubliche Anstrengungen, um das Bücherregal als letztes Reservoir der kulturellen Eigenständigkeit zu erhalten und so den USP zu schaffen, den er wollte.
Oh, da stehen ja Döblin, Barthes und Borges. Der muss ja gebildet sein.

Sein Blick schärfte sich und er sah die üblichen Verdächtigen im Regal der WG Bewohner, die sein Blut kochen ließen und die Geißelung anordnete:
Girl on the Train, Hunger Games, Jojo Moyes, Houellebecq, Michael Nast, Rita Falk sorgfältig aufgereiht und ansprechend, zumindest theoretisch, beleuchtet. Kein Staubkorn fand sich auf den Regalen.
In er kleinen Ecke auf dem untersten Regal standen die Julie Zehs, Krachts, Bernhards, DeLillos, Nabakov und Capotes, die zunächst wirklich nicht erkennbar waren, denn sie verbargen sich hinter einer Topfpflanze, einer Palme, die neben ihnen auf dem Boden stand.
Er wollte schreien, doch er hielt sich zurück, in diesem Moment verfestigte sich die Ansicht, dass die Freundin wirklich, über jeden Zweifel erhaben, eine unangenehme, unbrauchbare Person war. Doch war jede Kritik an ihr natürlich fehl am Platz, denn sie war ja nett, war ja zuvorkommend.

War es an ihm, eine Person aufgrund ihrer Bücherwahl zu diskreditieren?
Er war sich sicher, dass Bücher einzigartig waren im Einblick, den sie in die seelische Beschaffenheit einer Person versprachen.
Er hatte weder die Möglichkeit, das Handy einer Person zu begutachten, noch eine stundenlange Podiumsdiskussion über die charakterlichen Schwächen und Stärken der Einzelperson und deren historischen Ursprung in ihrer Biografie zu führen. So waren die literarischen Interessen ein guter Einstiegspunkt. Sie waren nicht so ertragsreich wie die Browserhistorie, die sicherlich mehr Aufschluss über die Tendenzen und Facetten der Persönlichkeit bieten würden. Jedoch boten Bücher dennoch ein gutes erstes Flackern, erste Striche des Portraits der Person, die man kennenlernen wollte.
Sie gaben eine fundierte Maßgabe für die kulturelle und bildungstechnische Einordnung und die Klassifizierung der Person und ließen diejenigen Interessen zunächst einmal hervortreten, die sonst vielleicht verborgen blieben.
Natürlich war jede Art der Klassifizierung von vorne herein verboten, wenn man sich in der arroganz-befreiten Gesellschaft von Gleichwertigen befindet, die jede Abwertung oder jedes Ausschließen einer Person aufgrund bestimmter Neigungen oder anderweitigen Charakteristiken als eine Kriegserklärung gegen ihren egalitären Lebensentwurf ansahen.
Doch Gott sei Dank befand sich der Junge nicht in dieser Runde und war in der Lage seinen ganzen Hass auf diese Menschen auslassen, die Bücher als bloßes Entertainment ansahen, als bloßen Zeitvertreib, der wie Popcorn oder Schokolade keinen Nährwert hatte.

Gleichzeitig stellte sich die Frage welchen Stellenwert Bücher in der heutigen Zeit noch hatten. Waren sie das letzte Refugium einer ADHS Generation, die ein wenig Ruhe suchte oder nur Selbstbefriedigungswerkzeug der Schlauen, um sich vor den Binge Watchern abzusetzen?
War es überhaupt noch möglich ein Buch über 200 Seiten einer breiten Masse zuzuführen? Anscheinend schon, wenn es Mord, Totschlag und Intrigen besaß und mindestens eine Frau Zeit in einem Zug verbrachte.

Er durfte die Menschen nach ihren Büchern bewerten und schelten. Nur durfte er es nicht äußern.   

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