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Die Nadel im Algorithmushaufen – Was ist eine Informationsdiät und was soll das alles eigentlich?

Ich habe in den letzten 24 Stunden Facebook 20-mal geöffnet, Twitter 31-mal und Emails 15-mal. Habe ich etwas davon oder ist informativer Minimalismus die Zukunft?

Ich habe in den letzten 24 Stunden Facebook 20-mal geöffnet, Twitter 31-mal und Emails 15-mal. Bricht man dies auf eine durchschnittliche Rate herunter, habe ich alle 72 Minuten Facebook, alle 46 Minuten Twitter und alle 96 Minuten meine Emails geöffnet. Dabei sei zu bedenken, dass ich nur den Appgebrauch auf meinem Handy im Auge behalten habe. Die Nutzung der diversen Services innerhalb meines Browser habe ich außen vorgelassen.

Daraus schließe ich, dass ich keine Aufgabe über mehr als 45 Minuten am Stück verfolgt habe, wobei man eigentlich das Modell noch ändern müsste, da ich ja auch geschlafen habe, aber um es so einfach wie möglich zu halten, habe ich ein grundlegendes, einfaches System verwendet, das meine Nutzung über einen Tag verfolgt. Alle 45 Minuten griff ich zu meinem Handy, um mich über die Veränderung in Hessen, Deutschland und der Welt zu informieren. Ob ich daraus einen Mehrwert gezogen habe, steht zur Debatte. Denn wenn ich mich in diesen kleinen Intervallen immer wieder informiere, sinkt natürlich die Chance, dass ich auf wirklich nennenswerte neue Informationen, die meinen Wissensstand wirklich aufwerten, treffe. Ich sitze also an meinem Schreibtisch und arbeite, doch immer wieder lächelt es mich an, in meiner peripheren Sicht, das Handy, das mich anfleht es doch bitte zu checken, denn es besteht die unergründliche Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert ist, was einen essenziellen Einfluss auf meine Lebenssituation haben könnte.

Dabei spiele ich selbst eine Art von Spiel mit unvollständigen Informationen, denn ich kann mir weder sicher sein, dass sich eine nennenswerte Veränderung zu getragen hat, noch kann ich mir sicher sein, dass überhaupt nichts, was nicht in irgendeiner Weise meine Interessen tangiert, geschehen ist. Ich sitze also in der Schwebe fest und weiß nicht was ich tun soll. Ich weiß nur, dass mich der Reiz drängt, mein Handy in die Hand zu nehmen und mich zu vergewissern. Damit würde ich meinen Durst befriedigen, jedoch komme ich damit auch in die unangenehme Situation von einem kobaltbetriebenen 138 mm x 67 mm x 7,3 mm bemessenen Gerät abhängig zu sein.

Es ist unnötig und grade zu lächerlich über Handysucht zu reden, da Handys so allgegenwärtig sind, dass sie sich zu einer Art Prothese für den Arm beziehungsweise das Gehirn entwickelt haben. Man kann sich ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen.
Ein Leben ohne direkte Anbindung an ein Informationsreservoir wirkt auf mich wie ein fahrlässiges Unternehmen, das sich vergangenheitsgerichtet in eine Zeit zurücksehnt, die mit der aktuellen Realität nichts mehr zu tun hat.
Oh, wie schön war es in den 90ern, in der Steinzeit, in der die Menschen noch als Jäger und Sammler lebten, die sich an warmen Bildschirmen zusammengefunden haben und das Treiben der Welt wie ein Echolot verfolgt haben.Die sich an Nachrichtensender hielten und eine Tageszeitung unter ihren Händen trugen, wenn sie sich am Frühstückstisch eine Sardelle auf ihr Mehrkornbrötchen legten. Diese Zeit, in der der Mensch noch demütig an das glaubte, was ihm durch einzelne Nervenfasern zugetragen wurde und sich höchstens in linken oder rechten Kampfzeitungen eine alternative Meinung bildete.

Heute blickt man verächtlich auf diejenigen, die sich aus dem Kosmos der Informationen selbstbewusst entfernen, um in behaglicher Stille irgendwo in der Uckermark oder im bayrischen Wald Gemüse anzupflanzen. Das autarke Leben abseits der rasanten Datenautobahnen und der masochistischen Entropie der Informationen, sorgt für Kopfschütteln bei den meisten Menschen, für die sich dieses Lebensmodell als ein Spiegelbild der Wirklichkeitsflucht darstellt, die den genannten Personen angelastet werden.
Wie verhält es sich mit diesen Menschen, die hinter dem Horizont leben und sich nur um die Irrigation und die meteorologische Belastung ihrer Ziertomaten kümmern?
Deren alltäglicher Optimierungswille sich nicht so sehr auf die biometrische Auslese ihrer Vitaldaten oder der flüchtigen Meinungsaggregation fokussiert, sondern eher auf die ökologisch-wertvolle und nachhaltige Zusammensetzung ihres Nährbodens, der sich von jedweden Pestiziden, genmanipulierten Pflanzen oder anderweitiger, zersetzender Einflüsse fernhalten soll. In ihren Stuben, die sie sich im rustikalen Fachwerkstil einrichten, türmen sich hunderte Bücher, die auch alle in die kleine Plastikverpackung eines Kindles passen würden.

Jedoch sind sie sich sicher, dass die Auslagerung der eigenen Selbstverantwortung auf elektronische Geräte nur einen schädlichen Effekt auf die geistige Gesundheit hätte. Dass eine hermetische Abkapselung nicht zielführend ist, schlägt sich in ihrem meist sehr undifferenzierten Ausblick auf die Welt nieder. Um jeder Verallgemeinerung ein Schloss vorzusetzen, ist natürlich nicht jeder Aussteiger ein ungebildeter Volltrottel, der in der Ödnis vereinsamt, aber es lässt sich eine zögerliche Ablehnung der gesellschaftlichen Aktualität und deren potenzielle Konsequenzen für ihr selbstgeschaffenes Vakuum auslesen, welche eine substanzielle Voraussetzung für das Leben als autonomer Selbstversorger zu sein scheint. Die Konsumkritik und die Entsagung der „Weg-werf-Gesellschaft“ ist dabei nicht zu vergessen, da sich diese dogmatisch an der Komplexität des modernen Lebens abarbeitet. Dort wo mit totaler Entfremdung und Kommerzialisierung der eigenen Identität argumentiert wird, befindet man in sich in einer Enklave, die weder die Anforderungen der Neuzeit begreift, noch die Vorteile der umfassenden, selbstverantwortlichen Aufklärung wahrhaben will. Wer in einer Welt ohne unmittelbaren Zugang oder Interesse an Informationen lebt, der sieht die Erde nicht dreidimensional, sondern immer flach.
Wer sich dagegen sträubt, am Geschehen und der Konversation teilzunehmen, kann sich genauso gut in ein medizinisch-ausgelöstes Koma verabschieden, denn es ist heutzutage gleichzeitig Privileg und Pflicht zu einem gewissen Grad informiert zu sein.
Der Verfechter einer sogenannten splendid isolation (deutsch wunderbare Isolation)[1] führt heutzutage einen Abnutzungskampf gegen die Sogwirkung der Moderne, die es immer schwerer macht, Erklärungen für seine Impfung zur Vermeidung von Fortschritt, Entwicklung und Konversation zu finden. Die Vorstellung löst sich auf, denn sie weißt immer wieder auf eine schwarz-weiß Sicht hin; ein riesiges Böses, dem niemanden gewachsen ist, seien es Konzerne oder Lobbyismus oder was auch immer.
Da die Situation ausweglos scheint, verschanzt man sich in seinen eigenen vier Wänden und protestiert so gegen die Ausuferung des sozialen Ungleichgewichts und der Verrohung der Gesellschaft. Die Privatperson, die sich nicht gegen die schlechten Umstände wehren kann, hält sich komplett raus und kehrt in die Zeit des Biedermeiers oder sogar noch früher zurück.
Das ist keine sinnige Lösung des Problems. Hier kommt das Wort des Jahres 2016 wieder ins Spiel: Differenzierung. Die Wahl besteht, meiner Meinung nach, nicht zwischen völliger Autarkie oder dem maroden Schicksal als Teil der Maschine aufzugehen.
Der beste Weg ist immer der Mittelweg, der da heißt, wie oben schon erwähnt, extensive Vertrautheit mit dem, was in der Welt geschieht.
Natürlich nicht in der holistischen Progressionszeremonie eines Nachrichtenreporters. Niemand erwartet ein Wesen, das über übereingeschränktes Wissen verfügt. Es ist nur das Mindestmaß an Informationen, das, wenn man wieder mit Adorno geht, den Bürger mündig macht und eine Teilnahmeberechtigung am gesellschaftlichen Diskurs mit sich führt. Denn wer will schon mit unwissenden Quatschköpfen, die noch von den Erfolgen der Hausbesetzerszene in den 70ern reden, diskutieren? Das war etwas überspitzt ausgedrückt, jedoch birgt es den Kern des eigentlichen Problems.

Wer rastet, der rostet. Wer sich nicht täglich mit alternativen Gesichtspunkten auseinandersetzt, wird irgendwann sehr verkrustete Meinungs- und Gesellschaftsbilder besitzen. Genau da liegt übrigens die dialektische Farce der Meinungsbildung, denn, wenn ich mich entweder mit gar nichts beschäftigte und auf meinen zwei, drei Standpunkten sitzen bleibe, (auf meinem sinnstiftenden Netz der Welt gegenüber) werde ich irgendwann nicht mehr ernst genommen. Wenn ich mich allerdings in die Hülle und Fülle der Nachrichten begebe und nur das konsumiere, was mir zusagt, werde ich auch nicht weiterkommen.
Das ist ein neues Phänomen, das in den letzten Jahren an Prävalenz gewonnen hat. Der sogenannte Conformation bias, auf Deutsch Bestätigungsfehler. Dieser besagt, dass ich eher dazu geneigt bin, etwas zu glauben, beziehungsweise nach Quelle zu suchen, und diese so zu interpretieren, so dass sie meine vorgefasste Meinung begünstigen. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich Flüchtlingen kritisch gegenüberstehe, werde ich mich von deren schädlichen Konsequenzen für das Land leiten lassen. Ich werde mir Berichte über gestiegene Kriminalitätsraten, entstehende Parallelgesellschaften, Überfremdung und Islamisierung zu Gemüte führen, egal aus welchen Quellen diese stammen und egal wie ihr Wahrheitsgehalt ist. Dadurch bestätigte und fördere ich meine eigene Ansicht und erschaffe meine eigene Realität.
Aus diesem Umgang mit Nachrichten entstehen Filterblasen und werden falsche Informationen propagiert, weil die Menschen so verzweifelt nach Bestätigung suchen, dass sie sich diese an jeder Ecke holen, egal wie schmierig der Verfasser sein mag. Facebook, das sich ja keine Mithilfe an der Wahl Donald Trumps anlastet, spielt dabei eine übergeordnete Rolle, da es den Nutzern unter dem Vorwand einen personalisierten Newsfeed zu schaffen, Zugang zu natürlich-gezüchteter Propaganda von Bots und zwielichtigen Organisationen gibt, die in ihren Feeds wachsen und die Windungen in den Gehirnen der Nutzer umpolen.
Generell kann man festhalten, dass jeder Artikel der auf einer Seite, die mit .ru endet, Propaganda ist, genauso alles was auf Plattformen wie WordPress oder Medium. Vertraue niemanden, der auf WordPress schreibt. Es wurde genug über die Gefahren von Fake News geschrieben. Man kann diese also getrost auslassen. Das war nur ein kleiner Exkurs, denn besonders ältere Menschen, die ihre Facebook Feeds, im Gegensatz zu der woke Generation, nicht so bewusst pflegen, tappen sehr schnell in die Falle; lassen sich von Clickbait überwältigen usw.
Wie soll man also vorgehen, um sich in der weiten Welt der expansiven Nachrichtenepidemie, der instant-news-cycles und der überquellenden Feeds noch zurecht zu finden? Ich bilde mir nicht ein, ein Universalheilmittel für die Krankheiten der Informationstechnologie gefunden zu haben, noch bin mir bewusst, ob ich richtig mit Neuigkeiten interagiere, jedoch glaube ich zumindest eine paar nützliche Ansatzpunkte nennen zu können, auf die ich gestoßen bin.

Zunächst muss man sich damit zufriedengeben, dass man nicht alles lesen kann. Das mag relativ naiv und unsinnig klingen, jedoch besteht in im Trommelfeuer der Informationen eine Neigung, die vielleicht auch durch Gruppenzugehörigkeitsmechanismen forciert wird, die eine Erwartungshaltung erzeugt, die Menschen dazu auffordert, über eine umfassende Faktenkompetenz zu verfügen. Diese wird in sozialen Kontexten, auf Dates, in der Arbeitswelt oder in der Lehre noch weiter gefördert, in der der Einzelne dazu gedrillt wird, jede neue Situation sofort aus mehreren Sichtweisen zu bewerten.
Natürlich bewegen wir uns hier in Sphären, die vielleicht wenige Menschen als alltäglich wahrnehmen und natürlich liegt darin auch eine leicht akademische Arroganz, die davon ausgeht, dass das Geschehen im Technologiesektor in Südostasien, um ein Beispiel zu nennen, überhaupt irgendeine Relevanz für die echten Menschen hat. Doch sehe ich zumindest einen unterbewussten Druck, der sich darin äußert, dass man zu jeder Zeit ausgefragt werden könnte und man lieber eine kohärente Position haben sollte oder eben dumm dasteht.
Darin liegt natürlich ein soziales Stratifizierungsmodell, da, um wieder arrogant zu klingen, vielleicht im Niedriglohnsektor beziehungsweise in bildungsfernen Schichten nicht zu erwarten ist, dass reflektierte und fundierte, politische oder fernblickende Positionen gefasst werden. Das ist auch wieder eine Verallgemeinerung. Vielleicht ist der Facharbeiter, der 54.000 Euro verdient auch ein neuer Max Weber, wer weiß?
Wenn man sich diesem Druck allerdings ausgesetzt sieht, muss man lernen, mit diesem umzugehen; in welcher Form auch immer. Natürlich wird man den intellektuellen Schwanzvergleich nicht so schnell los. Der ist schwierig klein zu kriegen, egal was man tut und natürlich will man auch das andere Geschlecht mit seinen ach so introspektiven Einsichten begeistern, aber vielleicht ist es genau die Lokalisierung und Spezialisierung der eigenen Kenntnisse, die einem noch bessere Ergebnisse erlaubt.
Ich hatte schon früher von einer Tendenz zum Universalgelehrtentum geschrieben, die völlig unrealistisch ist, und wahrscheinlich muss man seine Informationsaufnahme auch dahingehen beschränken nicht jede Position und jeden technischen Hintergrund zu kennen. Das Mindestmaß, wie vorhin schon erwähnt, dürfte reichen. Dieses wird man wahrscheinlich erzielen, wenn man sich zweier oder mehrerer Zeitungswebseiten bedient, die man zweimal am Tag aufruft und überfliegt, um sich so ein Bild der Lage zu machen.
Vielleicht sollte man auch ein paar Artikel lesen, wenn man dazu die Zeit findet. Weiterhin kann man sich am Angebot der öffentlichen Medien wahlweise bedienen, zum Beispiel den Storys im Ersten oder der wunderbaren Sendungen zur Wahl im ZDF (dabei ist besonders Volksvertreter auf ZDFneo herauszuheben). Die dreckigen Zwangsabgaben sind eben doch noch für etwas gut. Wenn man sich dann noch manchmal an einer Wochenzeitung vergreift, ist man eigentlich sehr gut aufgestellt. Besonders weil diese in den letzten Jahren wirkliche tolle investigative Artikel verfasst haben und die Süddeutsche letztes Jahr ja auch den Pulitzer für die Panama Papers gewann. Wer den Journalismus in Deutschland also in der Krise sieht, sollte sich mit diesen Leuten auseinandersetzen. Die 4 Leute, die sich noch in den Redaktionen befinden, machen wirklich gute Arbeit.
Wichtig dabei ist, dass man nicht in die Falle des Bestätigungsfehlers von oben fällt. Liest man nur Die Zeit, hebt man sich vielleicht von der normalen Masse ab, verpasst aber sicherlich auch einige, wie soll man sagen, basisdemokratische aber dennoch relevante Themen. Daher sollte man vielleicht seine präferierte Zeitung, wenn man überhaupt Zeitung liest, einer Milieustudie unterziehen, das heißt, zu betrachten, wer diese Zeitung liest und an wen sich daher die Mehrzahl der Artikel richtet.

Im amerikanischen Wahlkampf gibt es eine Rechercheart, die sich OpO (Opposition research) nennt. Diese besteht darin, alles über den Gegner herauszufinden, alle Sexskandale, Steuerschulden usw. Was kann man nun daraus lernen? Ich glaube, dass es sinnvoll ist, vielleicht einmal in der Woche die Gegenseite, sozusagen die andere Seite der Medaille zu betrachten.
Wenn man sich also im rotgrün-versifften Milieu befindet, sollte man sich mal Die Welt anschauen und deren wunderbare Betrachtungsweise studieren oder vielleicht die NZZ oder andere, die eben nicht die immer gleichen Mechanismen ansetzen.
Vielleicht lernt man ja etwas dazu, obwohl, wenn man ehrlich ist, es sehr schwierig sein wird, nicht mit aufgerissenen Fingerknöcheln zu enden, wenn man eine Woche die Ergüsse der Funktionäre des Mittelschichtspopulismus des Springerverlags liest.
Jedoch ist es immer sinnvoll, mehr als einen Blickpunkt zu erhaschen, vielleicht nur um die Gegenargumente zu kennen, und diese schon im Vorhinein zu dekonstruieren. Wo wir wieder bei der Debattenpolitik wären, die ja eigentlich zu vermeiden ist.
Kommen wir zu einem weiteren Punkt. Ich glaube, es ist sehr wichtig, Nachrichten nicht als Entertainment anzusehen, wie es in der letzten Zeit mit der AfD oder Donald Trump leider passiert ist. Das führt einerseits zu einer einseitigen Entfremdung mit der Sachlage, in dem man nur noch Skandale oder Ausuferungen betrachtet, weil sie einem Spaß bringen und andererseits führt es zu einer Normalisierung der Aussagen, die eigentlich nicht auf die politische Bühne gehören. Wird etwas als lustig abgetan, verliert es seine Schärfe. Es wird zu Klamauk, der zwar die die-hard Anhänger noch begeistert, bei den Meisten jedoch nur wenig-originelle Tweets auslöst. Man übergeht die Ungeheuerlichkeit der eigentlichen Aussage im Akkord einer Inszenierung, die ihre Wellen schlägt, in dem sie das eigentliche Thema sei es Dieselquoten oder Bildung oder Flüchtlinge auf eine andere Stufe des Verständnisses der einzelnen Akteure erhebt, die den Affront nicht mehr als brutal, sondern als gewöhnlich ansehen. Dadurch wird die Konversation, die ja als end-to-end Beziehung auf Twitter, als große Echokammer, verstanden werden muss, zersetzt.
Denn nur wer lustig oder besonders krass (siehe Kollege Leo Fischer) antwortet, wird noch gehört. Damit begeben wir uns auch wieder in die Ironiespirale, auf die ich nicht eingehen will.

In einem Artikel in Wired Uk habe ich gelesen und dem stimme ich vollkommen zu, dass Notifikationen eine der Auflösungserscheinung der Aufmerksamkeit in der digitalen Welt sind. Man kann sich ihre zerstörerische Wirkung eigentlich nicht wirklich vorstellen, wenn man sich nicht bewusstmacht, dass jede Notifikation eine biochemische Reaktion im Gehirn des Benutzers auslöst. Wenn das Handy vibriert, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, denn die Vibration oder das Geräusch versprechen eine neue positive oder seltener negative Interaktionsmöglichkeit, beziehungsweise ein weiterer Knotenpunkt des sozialen Netzwerkes, an dem man anknüpfen kann. Das bedeutet, dass das Gehirn wie in einer Skinnerbox mehrmals pro Stunde stimuliert wird. So kann doch überhaupt keine Aufmerksamkeit selbst auf rudimentäre Aufgaben zustande kommen. Vor allem weniger persönliche Interaktionen wie beispielsweise Instagram Updates oder anderweitige Neuigkeiten, die nicht direkt in den Messagingapps verwurzelt, stören den Tageslauf in einer ungeahnten Intervallkonzentration, so dass sich eine Art Sucht nach dem Neuen, nach einer Aktivierung des Belohnungszentrums einstellt. Das alles ist ganz simple Konditionierung, die wir uns von unseren Handys aufzwingen lassen. Deshalb sollte man am besten alle Notifikationen, die nicht Nachrichtenapps nicht direkt betreffen, ausschalten.
Man fühlt sich tatsächlich besser. Ich habe es probiert.
Dadurch werden auch die Effekte der Aufmerksamkeitsdiversifikation bekämpft, da sich, wenn Notifikationen aktiviert sind, Teile der Aufmerksamkeit immer der Vorfreude beziehungsweise der Antizipation neuer Inhalte hingeben werden und so auch von der Aufgabe, oder dem Gespräch oder dem Versuch der Entspannung bei einem Grauburgunder abzweigen. Das mag auch alles unterbewusst passieren, ist aber sicherlich nicht förderlich.

Wenn man also diese Ansätze zusammennimmt und versucht daraus eine verbesserte Aufnahmekapazität und eine Informationssteuerung zu spinnen, wird man schnell an den Punkt kommen, an dem man einerseits bereit sein muss, viele Inhalte und viele Neuigkeiten auszublenden. Genauso wie wir uns vom Fernsehen entfernt haben, soweit, dass Menschen unter 30, die einen Receiver besitzen wie Leprakranke behandelt werden, können wir uns auch von den Störfeuern, die im ständigen Strom der Informationen auf uns einwirken, ablösen. Zeitverschwendung hat nicht mal viel damit zu tun. Es geht eher darum geistige Gesundheit zu sichern und zu versuchen Konzentration auf die Gegenwart wiederherzustellen, egal wie schwer es sein wird.
Die Ablenkung beziehungsweise die Suche nach der Nadel im Algorithmushaufen ist so anziehend, dass sie eigentlich alles wirklich Wichtige unter sich begräbt. Doch wenn man dagegenwirkt und versucht eine Art Informationsminimalismus, im Sinne einer Filtration zu etablieren, kann es gelingen. Wie man das erreicht ist eigentlich jedem selbst überlassen. Vielleicht sollte man eine Bedürfnispyramide der Informationen schaffen. Welche Information brauch ich im Moment, welche sind weniger wichtig und so weiter. Ich glaube damit ist schon vieles durchsichtiger und einfacher.

[1] deren Etymologie aus der britischen Außenpolitik des späten 19ten Jahrhunderts stammt und ihre besondere Rolle als Inselstaat beschreibt. Heute als jemanden, der seine selbstgeschaffene Isolation liebt.

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