„Alexa, mach bitte mal die Rollläden hoch.“
Der Raum war dunkel und stickig. Sein Schlafzimmer lag in der dritten Etage des Mietshauses am Rande der Sternschanze. Die schwüle Luft bereite ihm einen beschwerlichen Morgen, schwitzend drehte er sich aus der Decke, immer noch sah er nichts. Seine Knochen waren schwer. Er hatte wenig geschlafen, vielleicht 3 Stunden. Bis 2 Uhr hatte er noch von zuhause gearbeitet.
„Das habe ich leider nicht verstanden.“ sagte der kleine schwarze Zylinder, der auf dem Nachtisch stand und blau leuchtete.
 „Alexa, Rollläden hoch.“
Er hörte das Surren eines Motors und Sonnenlicht durchflutete den Raum. Er atmete schwer, er konnte sein Herz pochen hören. Es war Donnerstag und der Beginn von zwei grausamen Tagen. Er hatte sie rot in seinem Kalender angestrichen. Schon seit mehreren Wochen befürchtete er das Schlimmste. Visionen von Zwischenfällen und angsterfüllten Momenten raubten ihm jede ruhige Minute. Er hievte sich aus dem Bett, mehr schlecht als recht, betrachtete sich im Spiegel und fuhr durch seine Haare, die immer dünner und brüchiger wurden. Es war Zeit wieder Alpecin zu verwenden. Seine Eltern hatten ihn nicht mit dem beständigsten Haarwachstum gesegnet. Die lichten Stellen über seinen Schläfen klafften wie Schluchten und wurden nur notdürftig von seiner Kopfbeharrung verdeckt.
 „Alexa, wie lange brauche ich heute zur Arbeit?“
Er ging über den Nadelvliesboden hinein in seinen Schrank, fuhr mit einer Hand über die wunderschönen, seidenen Hemden, fühlte den Stoff, die zarten Stickmuster, die wochenlange Arbeit, die jedes Kleidungsstück beanspruchte, wie es unter seinen Fingern wie Wasser auf einer Lotusblüte hinwegglitt und doch entschied er sich gegen eines der grauen Business Hemden und für ein weiß-blau gestreiftes Sommerensemble, das er sonst nur am Strand auf den Kanaren trug. Ein leichtes Hemd, das sein Vater in Rente tragen würde. Mit geschwärzter Miene straffte er eine vollgebleichte Jeans über.
Am Dienstag hatte er ein Memo erhalten, das eine Reihe von Verhaltensweisen, Ratschlägen und Richtlinien ausgab für die zwei schweren Tage, die vor den Mitarbeiter von Colton Mare Company lagen. Der G20 Gipfel fand am Donnerstag und Freitag statt und die Stadt war in Angst. Sie wurde heimgesucht von gewaltbereiten Kapitalismusgegnern, völlig verrückten Hippies und anderem Gesocks, das sich über die nächsten Tage in den Straßen herumtreiben würde. Die Prognosen beliefen auf mehr als 10000 Autonome. Die Hinweise auf das Verhalten während des Gipfels, die von HR ausgeben wurden und die einzig und allein der Sicherheit der Angestellten dienen sollte, waren wie folgt:

  1. Zeigen Sie nicht, dass Sie für eine Investment Gruppe arbeiten. Zeigen Sie generell nicht, dass Sie im Finanzsektor arbeiten,
  2. Kleiden Sie sich“ casual“. Tragen Sie keine Anzüge, keine Krokodilslederschuhe, keine Prada Hemden und keine Leinenkrawatten,
  3. Vermeiden Sie Konfrontationen, lassen Sie sich nicht provozieren, verwickeln Sie sich nicht in Diskussion. Diese können Sie nur verlieren.
  4. Lassen Sie sich nicht filmen, wenn Sie wirklich über Finanzmärkte oder CMC sprechen sollten. Versuchen Sie überhaupt nicht darüber zu sprechen, bzw. nur mit vertrauten Personen
  5. Verzichten auf Ihr Auto.
  6. Halten Sie ihre Keycard beim Betreten des Gebäudes bereit, um unnötiger Wartezeit vorzubeugen.
  7. Besuchen Sie den Stadtpark oder Kundgebungsorte nur, wenn es unbedingt nötig ist.

 

Diese Anweisungen hatte er bekommen. Er war verärgert und gekränkt, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein, doch verstand auch die Risiken, die diese zwei Tage bargen und wollte so keine Kritik äußern, besonders im Wissen, dass sein Chef ihn in der nächsten Woche auf Grundlage seiner Performance bewerten würde. So ließ er die Richtlinien über sich ergehen und antwortete, dass er sie gerne befolgte, in der freundlichen, zähneknirschenden Art und Weise, die es ihm erlaubte, sein Gesicht zu wahren.
Er war niemand, der den Teufel an die Wand malte, war niemand, der das Elend schon vorhersah, der Voraussagen traf und der im Pessimismus versank, aber er war besorgt, um das, was ihnen bevorstand. Der absolute Ausnamezustand kam mit bedrohlicher Geschwindigkeit auf sie zu. Er fragte sich, ob die 15.000 Polizei und Sicherheitskräfte der Aufgabe gewachsen waren und er fragte sich, wie er in einer Extremsituation reagieren würde.
Würde er weglaufen oder sich den Verrückten stellen, und was war, wenn sie sein Auto anzündeten? Er würde es jedenfalls in der Hausgarage abstellen, und falls dort kein Platz frei war, würde er es weit aus der Stadt fahren, auf einen öffentlichen Parkplatz irgendwo auf dem platten Land, weit weg von Molotowcocktails und Spiritus. Weg von den schwarzen Gestalten, die ihm an den Kragen wollten. Er wollte keine Risiken eingehen, wollte den Gipfel einfach nur schadlos überstehen, doch in seinem Inneren kochte der Hass auf die linken Störenfriede, auf die Zecken, die sich in Unterschenkeln der Stadt verbissen und das Blut aus ihnen zogen, die sich herausnahmen, den Tagesablauf von hunderten Tausenden normaler Bürger zu stören, nur um ihre hirnrissige Propaganda zu verbreiten. Die sich nur gegen den Kapitalismus stemmten, weil sie nicht arbeiten wollten. Die sich nur gegen die Mächtigen, gegen die Staats-und Regierungschefs stellten, weil sie überhaupt keine Ahnung hatten, wie Politik eigentlich funktionierte. Die sich in Utopien verfingen und in einem Konvent abseits der Zivilisation den Staat zerstören wollten. Anarchie, das wollten sie, pure Macht dem Stärkeren, und er fürchtete sich vor diesen Menschen. Diesen, die nicht mit sich reden ließen, die nur mit Fäusten sprachen und jede kleine Kontroverse sofort mit Feuer anstatt Wort lösten.
Gleichzeitig war er wütend auf die Organisatoren. Was fiel diesen Würdenträgern, diesen Pappkameraden ein, einen so explosiven Gipfel, gerade jetzt in dieser aufgepeitschten Atmosphäre, in einer Stadt mit 1.8 Millionen Einwohner abzuhalten, anstatt in einem kleinen Dorf irgendwo auf der märkischen Seenplatte. Die Sicherheitsvorkehrungen, die getroffen werden müssen und die Planung, die operative Bewältigung einer solchen riesigen Veranstaltung, überfordern selbst einen perfekt organisierten Staatsapparat. Man hätte ein ablegendes, abgeriegeltes Gelände nutzen können, leicht zu überwachen und zu schützen. Dort irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, wo sowieso nur Arbeitsverweigerer und Meth-Süchtige wohnen.
Nein, man war so frei und wollte das Tor zur Welt nutzen, als Mittelpunkt der globalen Demo- und Autokraten. Man scherte sich kein bisschen um die Konsequenzen für diejenigen, die nicht von zahllosen Wachleuten und Panzerglas auf dem Rücksitz bewacht werden. Diejenigen mussten sich arrangieren, standen morgens auf und wurden durch die Stadt gejagt wie durch den Dschungel von Vietnam. An jeder Ecke könnte man attackiert werden. An jeder Ecke könnte man angespuckt, getreten oder erniedrigt werden von diesen gesetzlosen Fanatikern und deren nacheifernden Fotzen. Er war zufällig mal auf einen Crust-Porno gestoßen eines Abends, als er sehr betrunken nach Hause gekommen war und hatte, selbst in diesem Zustand, bei Anblick dieser ekligen, widerwärtigen Ungetüme mit Haaren, die aus jeder Öffnung sprießten, einen Reiz zur Entleerung seines Magens gespürt. Diese ungewaschenen Schlampen, die sich ihre dreckigen Dreadlocks zu Zöpfen banden, pelzige Beine in luftigen Cullotes trugen, keine Miete zahlten und Männer nur nach Erfolglosigkeit auswählten.
Er hegte schon lange eine Fantasie, eine dieser Schlampen aus dem Stadtpark oder unter einer anliegenden Brücke zu retten, von den Wundern eines geregelten Tagesablaufs zu überzeugen, ihr die guten Seiten des Lebens  näherzubringen, ihr eine Stelle (sie sollte studiert sein) in seinem Unternehmen zu besorgen, sie zu waschen, rasieren und angemessen zu kleiden, sie auf sein Bett zu werfen, auf die Bettdecke mit einer Fadendichte von 8000, sie dann nicht nachhaltiges, industriell-hergestelltes Rindfleisch von seiner gestählten Brust essen zu lassen, sie mit Eigelb aus Käfighaltung zu übergießen und Maisstärke, hergestellt aus bestem Monsato Mais, über ihre hervorstehenden Hüftknochen zu streichen.
Er fühlte die Veränderung des Untergrundes unter seinen Zehnen, vom Teppichboden hin zur Massivholzdiele in Wohnzimmer und Küche. Er presste single-origin Kaffee durch seine French Press und lehnte gegen den kalten Naturstein, auf dem seine Küchengeräte in Reihe und Glied aufgestellt und poliert waren.
Ein weiterer, kleinerer Heimassistent antwortete ihm aus dem Schatten des Toasters: „Ihr Weg zur Arbeit verzögert sich, aufgrund der aktuellen Ereignisse, um zirka 45 Minuten. Versuchen sie öffentliche Verkehrsmittel vorzuziehen, teilweise sind Straßenstücke gesperrt. Wenn sie ihre gewünschte Ankunftszeit im Büro von 8.30 erreichen wollten, sollten sie um 7.10 aufbrechen.“ Die Webstruktur des Strandhemds rieb sich an seiner Brust. Er fühlte sich unwohl, wie ein Landstreicher, der Kuchen von Kirchfesten klaut. Darunter zog er eine leichte Chino an, die seinen Beinen zu viel Platz zum Atmen gab, und Wollslippers, die er aus den USA importierte hatte.

Er konnte den Konflikt in der Luft schmecken, die Verschmutzung der Stadt, die Übervölkerung, überall der Geruch von leeren Weinbrandflaschen und billigem Bier. Für einen Moment fragte er sich, ob er einen Hut tragen und so dem Ideal kubanischen Lebemann nacheifern sollte, entschied sich doch dagegen, da er zumindest einen kleinen Funken seiner Würde in Takt halten wollte. Die Schuhe gaben ihm ein komisches, wohliges Gefühl. Sie schmiegten sich an die Form seines Fußes an, kein Blut, keine Blasen, daran konnte er sich gewöhnen, wollte er aber nicht unbedingt.
Der erste Gang durch den Sumpf stand ihm bevor, durch das Kriegsgebiet, Sodom und Gomorrha und er musste hinschauen, war gezwungen, das Elend aus der Nähe zu sehen. Er war gefangen wie sein Opa in Stalingrad. Seine Straße war Gott sei Dank gesittet, gesichert worden von Besserverdienenden, die die Altbauwohnungen mit den wunderschönen hohen Decken restauriert und renoviert hatten, sie nicht verkommen ließen, nicht im Dreck der Hippies und Homöopathen verstauben ließen. Die, die sich der alten Bauart verschrieben hatten und sie ins 21. Jahrhundert trieben. Es wäre wirklich schade, wenn ein historisches Viertel verloren ginge, dachten sich die Pioniere, zogen ein und retteten es. Die letzten Bastionen des vergebenen Widerstandes fanden sich noch hier und da, doch mussten auch sie sich irgendwann dem Fortschritt unterordnen. So war es fein, sollte es sein. Der Gehweg war blitzeblank, kein Blatt, kein schmieriger Flyer einer verwerflichen Kundgebung fand sich darauf. Er kalkulierte für einen Moment die Wahrscheinlichkeit auf einen Autonomen zu treffen.
Die Bevölkerung von Hamburg war 1.86 Millionen, über 8000 Gestörte hatten sich auf den Weg gemacht und wahrscheinlich jetzt schon ihr Zelt in der Hansestadt aufgeschlagen. In einem zweidimensionalen Modell mit zwei Konstanten betrug die Chance auf einen Verwirrten zu treffen 0.00004% oder 4 Hunderttausendstel eines Prozents.
Dabei war ihm der Rechenfehler sofort bewusst. Diese dreckigen Bastarde traten nicht alleine auf. Sie rotteten sich zusammen wie Kakerlaken, belagerten Knotenpunkte und große Teile der Innenstadt, so dass die Wahrscheinlichkeit um einiges höher war. Dies machte seinen Weg nicht leichter. Die Laptoptasche fühlte sich schwer an. Was, wenn diese geklaut würde?
Er hatte alles im Backup, was keinen Verlust bedeute, jedoch befanden sich unglaublich sensible Daten auf der Festplatte des Laptops. Eine Tatsache, die er nicht unbedingt vor seinen Vorgesetzen erklären wollte. Erst letzte Woche waren sie mit einer Ransomattacke konfrontiert worden. Sie hatten gezahlt und alles blieb beim Alten, anonymisiertes System, kein Datenverlust. Sollte er jedoch gutbehütete Geheimnisse von Kunden aufs Spiel setzen, wäre seine Karriere am Ende. Er grub seine Fingerkuppen in den Polyestern der Tasche. Sein Schritt war schnell und zielstrebig, normalerweise brauchte er eine halbe Stunde bis in die Hafencity zum Bürokomplex von CMC. Heute stellte er sich auf eine Odyssee ungeahnten Ausmaßes ein.
Dazu kam sein Pitch für ein neues Finanzkonzept, für einen seiner größten Kunden, der an einer Diversifikation seines Portfolios interessiert war und auf fliegende Autos, das heißt die Technologie dahinter und Rohstoffe speziell in Minen, die Kobalt förderten, setzte.
Er war dafür zuständig, gewissenhafte und ertragsreiche Vorschläge zu machen. Dies beinhaltete nicht nur Korrelationskalkulation, Volatilitätsprognosen, Risikoparität, leptokurtischer Exzess, alpha overlay und so weiter, sondern natürlich auch die PR-Vorhersage für so zukunftsträchtige Unternehmen wie aeroTransport oder eher kontroverse Zeitgenossen wie die Besitzer der Kobaltminen im Kongo. Diese Faktoren schwappten durch sein Hirn und trotz seiner brillanten Ausbildung an der LSE London School of Economics, die er mit summa cum laude abgeschlossen hatte, fühlte er sich schlecht vorbereitet. Sie hatte ihn darauf getrimmt, widrige Umstände zu durchstehen, tausende Stunden hatte er in miefigen Bibliotheken verbracht, in stickigen Konferenzräumen als protokollführender Praktikant, in winzigen Büros hatte er mit lahmen Händen Spreadsheets aufgestellt und immer wieder vom Tag geträumt, an dem er seine eigenen Entscheidungen treffen könnte. Doch plagte ihn ein vages, unersättliches Unwohlsein.

Dieser Tag war von eineinhalb Jahren gekommen. Er hatte die entry level Position als Junior Associate Wealth Management & Costumer Care bei CMC erhalten und wusste, dass der Pfad nun geebnet war. Am folgenden Abend saß er mit seiner Freundin Ingrid an der Elbe und sie stießen mit einem irrsinnig teuren Champagner an. Die kristallen Gläser hatte sie in einem Picknickkorb getragen, dazu aßen sie Pancetta und Muscheln mit einem befreundeten Paar. Alles war perfekt, bis schließlich um halb eins ein volltrunkener Arbeitsloser, dies war seiner Kleidung zu entnehmen, zirka 30 Jahre mit öligen Haaren auf sie zu kam und seinen Freund Alex, der ebenfalls bei CMC arbeite, angriff. Der Mond stand still und starr über ihnen. Die Lichter der Großstadt tauchten die Szenerie in romantisches Goldgelb. Er beschimpfte ihn auf übelste Weise aufgrund des Fred Perry Shirts, das Alex an diesem Abend trug. Es war schwarz mit einem rotblau gestreiften Kragen. Der Schädling glaubte darin ein faschistisches Kleidungstück zu erkennen. Anscheinend sah er das blaue, das klar erkennbar blau war, in seiner Intoxikation als weiß und glaubte darin die Farben des Kaiserreichs zu lesen. Er brüllte und jaulte von den Menschen, Nazi nannte er Alex, die diese Marke tragen würden, verglich sie mit Thor Steiner und anderen rechtsextremen Fabrikanten, zog Alex am Kragen hoch und hielt ihn fest. Alex, der 1.91 m war, ließ sich das nicht gefallen und riss sich fort, was den Angreifer dazu brachte, wild um sich zu schlagen. Anna und Ingrid hielten sich komplett verstört an der Picknickdecke fest. Er, der eigentlich seinen neuen Job feiern wollte, wurde von einem Haken getroffen und trug in der nächsten Woche ein Veilchen mit sich herum. Alex traf den Arbeitslosen mit einer Faust auf die Nase, hörte ein leises Knacken und das Arschloch sank zu Boden. Er trat ihm ein paar Mal in die Rippen, und der Portfoliomanager drückte eine Zigarette auf der Brust unter dem offenen, befleckten Hemd des Arbeitslosen aus, was ihn schreien und wimmern ließ wie ein Nutztier, das im Sterben lag. Er hatte es verdient. Der Abend war gelaufen. Sie ließen ihn liegen. Alex spuckte noch in seine Haare und hielt seine Freundin fest im Arm, die den Tränen nahe war. An diesem Abend wollte er dem Abschaum einen Lorbeerkranz auf die Stirn brennen, mit einem dieser Brenneisen, das für Kühe verwendet wird. Er hatte einen seiner größten Erfolge beschmutzt.
Seine Freundin Ingrid war über die nächsten Tage erbost gewesen, warum er den armen Mann so schändlich behandelt hatte. Er zeigte immer wieder nur auf das lila Andenken, das ihm der Sozialschmarotzer beschert hatte. Sie sagte, er sei wahrscheinlich psychisch krank und ein Einzelfall und dass die Tiraden gegen jene, die seiner Meinung die Laissez-faire Einstellung des Sozialstaats ausnutzen, nur seine Seele vergifteten. Das war der Lohn für die Beziehung mit einer PhD-Kandidatin in Sozialstudien. Die gutbetuchte Akademikerin, die sich in ihren Türmchen einschloss und der Wirklichkeit nicht mehr entgegentrat, die sich sträubte vor den schlechten Eigenschaften des Menschen, die in ihrem Gutmenschentum nur die positiven Aspekte der Versager als mildernde Umstände sah. Wenn er ihr Naivität vorwarf, schloss sie sich in ihrem Zimmer ein oder ging zu ihrer Freundin Anne. Es war schwierig, mit ihr darüber zu reden und irgendwann verbannten sie politische Diskussionen komplett. Er ließ seine Abneigung im Stillen gedeihen, behielt sie für sich. Sie war in extenso nicht sozial akzeptabel.

Von weiten sah er auf dem Weg zur U-Bahn die Hundertschaften der Polizei, die sich für den Ernstfall bereitmachten. Er sorgte sich um die Gesundheit der Männer und Frauen, die sich gegen die Verrückten stellen mussten, in diesen dicken Kampfanzügen, die sicherlich nicht alle Angriffe stoppten. Sie waren das Einzige, das zwischen Ordnung und Chaos stand. Er fragte sich, ob ein Schild einen Pflasterstein oder einen Böller aufhielt. Vor allem bewunderte er die Polizistinnen, die sich für den Rechtstaat engagierten, ihre zierlichen Körper in die riesigen Uniformen steckten und die Feinde der Gesellschaft abwehrten. Sie bildeten die warme Decke, unter der sich die Stadt ein wenig sicherer fühlen konnte.
Für einen Moment beobachtete er ihre Manöver, ihre Gruppenführung und Teamfähigkeit. Sie alle waren für einander da. Er liebte die Polizei.
Sie kaschierten ihre Pläne vor Spähern, stiegen in den Mannschaftswagen und fuhren weiter. Ihre treue Gefolgschaft und ihre Professionalität ließen seinen Herzschlag ein wenig abnehmen. Wie Ameisen, die ihren Staat verteidigten, arbeiteten sie Hand in Hand und verteilten sich über die ganze Stadt. Je mehr Präsenz, desto geringer das Risiko.
Er tat gut daran, auf seinen Wagen zu verzichten, denn jetzt in der Früh hatten sich schon lange Staus gebildet. Autos wurden gestoppt, verschiedene Routen geplant und immer wieder umgeleitet, um den Staats- und Regierungschefs einen reibungslosen Transport zu garantieren. Alles verlief nach Plan.
Er hörte das Pochen noch, aber es wurde leiser. Seine Tarnung schien zu greifen. Er musste sich keines blöden Kommentares erwehren, keiner Konfrontation. Er sah die ersten Gestalten, die sich langsam in Richtung der Innenstadt aufmachten, gebückter Gang, fahle Haut, dort wo sie zu sehen war. Sie riefen „Anti, Anti, Antifaschisti“ im typischen, eindimensionalen Tonfall hirnloser Mitläufer. Er richtete seinen Blick auf den Bürgersteig. Er wollte sie keinesfalls berühren, wer wusste, welche Krankheiten sie mit sich rumtrugen. Auf den Stufen hinunter in die Station musste er durch eine Gruppe Jugendlicher, die sich am Eingang bedrohlich aufgestellt hatten und ihre Flaggen schwangen, passieren. Er hatte Angst, Angst angesteckt zu werden, Angst in eine Schlägerei verwickelt zu werden. Er hatte nur ein Hemd dabei und dieses sollte, wenn möglich, bis zum Termin nachmittags sauber und rein bleiben.
„Wir sind die junge Garde…“, sang einer der Jugendlichen, die hoffnungslos indoktriniert waren. Schlechtes soziales Umfeld, dogmatische Eltern, keine Chance auf ein eigenes Weltbild.
Auf dem Weg zur Plattform sprach ihn jemand von links an. Zwei Beamte standen vor ihm und begutachteten ihn. War seine Tarnung wirklich so gelungen?
„Öffnen Sie mal bitte ihre Tasche“, sagte die Polizistin mit Pferdeschwanz und starkem schwäbischen Akzent freundlich, aber bestimmt.
Meinen Sie mich?“, antwortete er.
„Ja.“
„Warum das?“
„Nur eine Sischerheitsvorkehrung. Sie wissen, dass wir heut besonders achtsam sin.“
„Ja, aber warum denn mich?“
„Das isch völlig zufällig. Wenn Sie jetzt bitte ma’ die Tasche öffnen würden“, sagte sie mit einem gewissen Nachdruck.
„Gerne.“
Er tat, wie ihm befohlen und präsentierte den Inhalt seiner Tasche.
„Wie Sie sehen, Laptop, Ladekabel, Unterlagen, einen Energyriegel und für das Meclobemid habe ich ein Rezept.“
„Die Außentasche bitte noch.“
„Da sind nur Zigaretten drin.“
„Dürft isch die mal sehen.“
Der zweite, großgewachsene Beamte mit einem Kreuz, das sicher Züge stoppen konnte, positionierte sich inzwischen so vor ihm, als wollte er ihm den Fluchtweg versperren. Aus welchem Grund auch immer. Die weibliche Polizistin zog sich Handschuhe an und begutachtete die Packung Zigaretten, öffnete sie und roch an ihnen.
„Die habe ich erst vor 15 Minuten gekauft. Das Plastik ist sogar am unteren Teil der Packung, kann ich jetzt bitte zur Arbeit gehen. Ich habe viel zu tun“, sagte er und tat sein Bestes, nicht entnervt zu wirken, besondere Rücksicht auf die Polizisten zu nehmen, die ihn zwar aufhielten, denen jedoch schreckliche Stunden bevorstanden.
„Vielen Dank, Sie könne gehen.“
„Ja, schönen Tag“

Er stieg in eine Bahn und verhielt sich unauffällig, sah jedoch mehr denn je die Punker, ihre Haare in den Farben des Regenbogens, zwischen ängstlichen Omas und ihren Einkäufen, Migrantenfamilien, unglaublich schönen Studentinnen und einer Gruppe Jugendlicher, die an jeder Haltstelle versuchten, ein Mitglied ihres Kreises aus der Tür zu drängen, was er als ziemlich seltsames Ritual ansah. Sein Blick war geschärft, überall Sicherheitsnadeln, gepierct, tätowiert, abgemagert oder adipös, die Versager, wie sie in den Vierersitzen lavierten und sich gegenseitig angafften. Er spürte ihre Präsenz in seinen Fingerkuppen und hielt seine Laptoptasche noch fester.
„Nieder mit dem Faschismus. Keine Bühne für Verbrecher. Keine Bühne für Verbrecher“, brüllte einer. „Das System muss fallen. Waffenexporte, Kinder sterben, wir füttern Haie im Mittelmeer, Umwelt ist uns scheiß egal, unterstützen Diktatoren wie al-Assad. Ich hab eine Lösung parat. Nieder mit dem Schweinestaat“, skandierte ein Typ in schwarzer Uniform.
Eine ältere Frau verzog das Gesicht.
Ein anderer Schwachkopf in einer langen Kutte, zerzausten Haaren und wuchernder Gesichtsbehaarung, setzte sich zu ihm. Er rückte von ihm weg, presste sein Gesicht gegen die Fensterscheibe. Der Demonstrant hatte in einer Hand eine Bierdose, in der anderen einen Flyer. Sein Atem roch wie eine Klärgrube.
„Hey, hier, du Alter. Was machsten du?“
„Ich gehe zur Arbeit…“, antwortete der Portfoliomanager.
„Nicht, dass du schon mal was davon gehört hättest“, fügte er murmelnd hinzu.
 „Was arbeitest dun, wenn ich fragen darf?“
Seine Fingernägel trugen die Überreste von Dreck und Schmutz wie ein Kind, das um Regen nach Würmern grub, schwarz und ungepflegt.
 „Ich bin… Lehrer, Erdkunde und Englisch.“
„Schön, schön, Staatsdienst, bequemes Leben, verbeamtet?“
„Nein und ich muss hier auch raus, Entschuldigung.“

Der Mann stand wortlos auf und ließ ihn vorbei. Sein Brechreiz machte ihm zu schaffen. Er stieg eine Station früher aus und wartete auf die nächste Bahn. An der Station Meßberg ging er die Treppen hoch und fand sich in einer kleinen Gruppe von protestwütigen Normalbürgern, die sich schon zu dieser frühen Zeit aufmachten, um an den Hotspots des Protests einen guten Platz zu finden. Wie eine Schlange kroch er langsam durch die Menge vorbei an Politzisten und Demonstranten gleichsam. Die Protesttouristen hatte er nicht bedacht. Diese hatte er völlig vergessen. Die Heilpraktiker, die Sozialarbeiter, die Studienräte, die in ihrer Freizeit Unterschriften sammelten, weil Windräder ihre Landschaft zerstörten und die sich die gegen die Realpolitik stellen wollten, um ihre alten Illusionen auszuleben.
„G20 stoppen, Keine Deals mit Kriminellen“, stand auf einem der Schilder.
Klimaschutz ist Grundrecht“, „Keine Ausbeutung von denen, die sich nicht wehren können.“ stand auf einem anderen. „Keine Rüstungsexporte, keine Kinderleichen“ las er noch und kicherte, weil die Demonstranten sicherlich nicht die Tragweite einer einzigen politischen Entscheidung verstanden. In diesem Protest zeigte sich doch, dass linker Protest, wie schon in 68’, dumme, illusorische Vorstellungen einer besseren Welt schürte, die mit der richtigen, wirklichen Wirklichkeit nichts zu tun hatten.
Es war schlussendlich lächerlicher Populismus. Deshalb wählte er die Partei der Vernunft, die Partei derer, für die Politik die Verbesserung der Lebensumstände des Einzelnen war, die Partei der Unpolitischen, die FDP. Dort tummelten sich weder aufgebrachte, hysterische Frauen noch absurde, stinkende Altsozialisten. Keine Kindergärtner, die auf Schienen protestieren, keine Krankenschwestern, die ihren Patienten Homöopathie anstatt richtiger Medizin empfahlen. Normale, erfolgreiche Bürger, die den Staat als Grundlage des gesellschaftlichen Fortschritts sahen und nicht als Rettungsnetz für faule Schmarotzer. Er bahnte sich seinen Weg durch die kleinen Trauben, die in ihren Birkenstocksandalen in ihren Dreiviertel Hosen im Kreis standen und aus Thermoskannen Kräutertee tranken. Diese Menschen hatten sich extra freigenommen, weil sie glaubten Veränderungen zu erzielen. Die wunderbare Schizophrenie des Protests. Sie wussten doch selbst, dass Politik nicht auf der Straße, sondern in Hinterzimmern gemacht wurde. An jeder Ecke waren Schilder angebracht, alles war versprüht. Menschen hatten ihre Arbeit zum größten Teil niedergelegt und waren geflüchtet, wenn es ihnen denn möglich war. Ladenbesitzer hatten ihre Schaufenster barrikadiert mit schweren Holzbalken oder sympathisierten mit den Autonomen, in dem sie „not G20 – spare my store“ in ihre Eingangstür hängten. Ein Armutszeugnis der zivilisierten Welt. Er kam sich vor wie in einer Stadt, in der Kriegsrecht galt.

In der Hafencity war es ruhiger, sogar ein paar tapfere Touristen hatten sich in die Menge gemischt. Die Sonne schien trotzig und die Elbe rauschte vorbei. Eine Gruppe Frauen in weißen Gewändern meditierte am Fluss und es war wirklich friedlich. Eine wunderschöne Atmosphäre, eine Oase der Ruhe. Dann erinnerte er sich daran, dass es erst 8:20 am Morgen war.
Er rauchte vor dem Tower und freute sich, drei neue Securities zu sehen. CMC hatte die Sicherheitsvorkehrungen erhöht, nachdem ein ziemlich expliziter Bericht über ihre Lobby Arbeit im Dienste einiger zwielichtiger Kunden in der Süddeutschen Zeitung erschienen war, worin auch markante Details erwähnt wurden, wonach sie bestimmten Kunden mehr oder weniger legale Steuerhäfen empfohlen hatten.
Das war alles sehr unangenehm, doch der Portfoliomanager wusste nichts von irgendwelchen Fehltritten. Er wusste, dass sie Lobby Arbeit betrieben, doch sah er diese im erlaubten Rahmen und er konnte den Tumult nicht wirklich verstehen. Jedes Unternehmen, das dazu in der Lage war, tat das, völlig egalitär. Doch der wütende Mob, der nur Überschriften las, würde sich natürlich nicht damit zufriedengeben, böse Tweets zu verfassen, sondern schließlich auch den Tower belagern. Obwohl er an der Grenze zum Sperrgebiet Elbphilharmonie gelegen war.
Er grüßte die drei Wachleute, checkte ein, grüßte die Rezeptionistin und grüßte die Office Managerin Katya in der großen gläsernen Lobby mit Werken der großen Meister Matisse, Braque und Yayoi Kusama. Vorbei an Midcentury moderner Möblierung verlief sein Weg entlang der Küche, in der der Verzehr von jeglichem roten Fleisch verpönt war, hin zur verchromten, einzigartigen Espressomaschine, die von einer kleinen 100 Jahre alten Manufaktur aus Modena eigens für das Büro angefertigt worden war. Er grüßte Alex, der von der Lobby Krise geschüttelt war und mehrere Tage schon nicht mehr als 2 Stunden geschlafen hatte. Vorbei an pittoresken Landschaftsgemälden, die den Flur entschlacken sollten und einer Messingstatur eines Mannes auf einem dekorativ-wertvollen Sockel, der in seinen Händen einen Schlüssel und eine Kerze hielt. Zahlreiche Bildschirme hingen an den Wänden und strahlen Nachrichtenkanäle aus.

Er verschanzte sich in seinem karg bestückten, erdfarbenen Büro, das lediglich zwei Bilder seiner Freundin und einer alten Brücke in der Bretagne beherbergte und sehr schlecht belüftet war. Es war eines der schlechteren Büros des Komplexes, der erst vor einigen Jahren grundrenoviert worden war. Man stelle sich eine Dunkelkammer mit großem Fenster vor. Eigentlich wollte er zielstrebig nur an seinem Pitch arbeiten, doch verbrachte er den Großteil des Vormittags damit, brutale Straßenschlachten zwischen Radikalen und der Polizei auf Liveleak zu schauen. Stunde um Stunde verging während er sich von Video zu Video klickte, wobei sein Vergnügen an den Deeskalationstaktiken kein Ende fand, da diese scheinbar immer das Gegenteil auslösten. Er sah rote Straßen, Explosionen, hörte Schädelbasisbrüche durch seine Noise-Cancelling Kopfhörer und lachte. Sie hatten es nicht anders verdient. Wer den Staat verletzen will, wird seine ganze Macht spüren.
In der Mittagspause saß er in der Lobby und aß Avocado Toast, trank Sojalatte aus der brillanten Espressomaschine und pitchte Alex, der ihm auf einem der Unikatstühlen gegenübersaß. Er trug ein formloses V-Neck T-Shirt und sogar eine kurze hellbraune Stoffhose. Unglaublich, was sie über sich ergehen lassen mussten.
„Du musst noch einiges anpassen. Ich will dich nicht demotivieren, aber so kannst du das nicht vorstellen. Michael wird sich nochmal mit dir zusammensetzen, wenn er die Zeit findet. Es ist nicht so leicht heute. Ich weiß gar nicht, ob er da ist. Du musst die Returns viel weiter in den Vordergrund rücken, die stehen über allem. Es geht nicht nur um eine klare alpha Zusammensetzung, es geht nur um die Zukunftssicherheit, oder? Dieses Wort ist so geil. Macht dich etwas so an wie „zukunftssicher“. Also du hast ja zahlreiche Optionpackages jetzt zusammengetragen. Jetzt musst du Herrn Reichmann nur noch die Risikomodulation ganz klar darstellen, damit wir rechtlich abgesichert sind. Er muss es aus seiner eigenen Überzeugung machen. Wenn er wirklich so dämlich ist und in Kobalt investieren will, egal welche Außenwirkung das hat, müssen wir versuchen, die Schäden zu minimieren, dafür sind wir hier. Wir stehen vollkommen hinter den Anlegern. Unsere eigene Meinung ist erstmal sekundär. Besonders wegen diesem verdammten Exposé, müssen wir uns absichern. Wir dürfen nicht damit in Verbindung gebracht werden. Wir unterstützten keine Kobaltminen, präg dir das ein. Wiederhol es vor dem Schlafengehen.“
Er tippte ihm mehrmals auf die Stirn.
„Das ist dein neues Mantra, ok.“

Ein Knall unterbrach das Gespräch. Sie schlenderten zum Fenster und sahen nur noch, wie Sicherheitskräfte auf einen vermummten Mann einschlugen.
„Was ist passiert?“ fragte der Portfoliomanager Katya, die Office Managerin.
 „Ach, irgendein Schwachkopf hat einen Stein in ein Büro geworfen und anscheinend Sabine am Kopf getroffen.“
„Was?“
 „Ja, sie blutet. Wirklich schade, sie hatte so ein schönes Gesicht. Naja.“
Sie rannten so schnell sie konnten, beide waren nicht besonders austrainiert, 6 Stockwerke herunter, übersprangen einige Stufen in das kleine kammerartige Büro, in dem eine Frau ein blutgetränktes Tuch an ihre Stirn hielt. Ein Stein von der Größe einer Apfelsine lag auf einem der Tische und glitzerte rot und grau. Sabine weinte, kauerte auf ihrem Stuhl, stand völlig unter Schock. Tatjana, Head of HR, stand über ihr und umarmte sie, sprach ihr zu und versicherte ihr, dass der Notarzt in wenigen Minuten käme. Niemand sonst sprach. Sie standen mit offenen Mündern da, wie Kinder, die zum ersten Mal ein Feuerwerk sehen.
„Er kam, kam so plötzlich“, sagte Tatjana.
„Tatjana, kannst du dich vielleicht mal drehen, so dass ich Sabine im Bild habe “, sagte Alex mit ausgestreckten Arm und Handy in der Hand.
„Stell dich hinter sie, genau, so dass sie gut zu sehen ist und leg vielleicht auch den Stein ins Bild. Nimm vielleicht das Handtuch kurz runter. Ja super.“  Tatjana positionierte sich hinter dem Drehstuhl und umschloss Sabines zitternden Körper vor ihrer Brust.
Er machte das Foto und twitterte: „Attacke auf @CMC Hamburg. Eine Frau von Pflasterstein schwer verletzt. Politisch motivierte Gewalt muss aufhören.#G20“
„Es wird alles gut“, sagte er nochmals und verschwand wieder.

Der Portfoliomanager wusste nicht wirklich, was er tun sollte, während sich der Notarzt an ihm vorbei drängte. Er verließ den Raum auf leisen Sohlen. Der Krieg war nun auch bei ihm angekommen. Vom Täter war keine Spur. Er hatte sich aus der Umklammerung der Sicherheitsleute irgendwie gewunden. Hatte, so ließ man ihn wissen, Pfefferspray eingesetzt und war dann auf ein Skiff in einem der Kanäle gesprungen, das ihn in zurück zu seinen Genossen brachte. Niemand war sicher, das stand fest. Aus seinem riesigen Glasfenster im 9. Stock sah er ein altes Fährschiff vorbeifahren, auf dem Demonstranten ein riesiges Banner befestigt hatten, das sich über die komplette Länge der Kogge zog. Darauf war zu lesen.
„Das ist unser Planet. Fickt euch“ und „Es lebt sich leicht auf dem Rücken von Millionen hungrigen Mäulern. Für eine gerechte Welt.“
„Banker sind auf freiem Fuß, während der schwule Igor im Gulag schuften muss.“
Den letzten Spruch konnte er nicht wirklich lesen, da das Transparent von mehreren korpulenten Frauen mit rasierten Köpfen verdeckt wurde, weshalb er sich den zweiten Teil einfach dazu reimte. Sie setzten das Schiffshorn wie chinesische Wasserfolter ein. „DÄÄÄÄÄÄÄÄ“. Das Echo vibrierte im ganzen Gebäude. Sie fuhren weiter „DÄÄÄÄÄÄÄÄ“. Endlich machte die Polizei dem Treiben ein jähes Ende. Sie schossen mit einem Wasserwerfer auf einen der Demonstranten, der auf die Ordnungshüter mit einer AK-47, vermutlich aus Plastik, zielte. Er wurde vom Fährschiff in den Fluss katapultiert. Es war ein Bild für die Götter. Fast wurde er unter den Buck des Schiffs gezogen. Der Portfoliomanager hatte Blut an den Händen. Er wusste nicht warum. Doch, er hatte den Stein aufgehoben.

Einer seiner Bildschirme flimmerte unheimlich blau und weiß und die Klimaanlage tat nicht, wie ihr befohlen wurde. Er musste schon den zweiten Knopf an seinem Hemd öffnen. Gerhard würde in ein paar Stunden ankommen. Warum er diese Stadt, gerade an diesen zwei Höllentagen betreten wollte, blieb ihm ein Rätsel. Vor seinem inneren Auge sah er schwarze, vermummte Dämonen, die Kinder fraßen und ihre Knochen ausspucken, die mit Fackeln durch die Straßen zogen und Schaufenster in Brand setzten. Er sah Regierungsgegner, die Kreuzungen blockierten, die Frauen als menschliche Schutzschilde gebrauchten, die ganze Parkstücke in Brand setzten, um sich vor der Polizei zu schützen und die Kavallerie, die versuchte, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Der Ausschlag an seinen Unterarmen wurde schlimmer. Er rieb eine Aloe Vera-Süßholz Lotion darauf und kaschierte die roten Flecken mit seinem Hemd. Seine Konzentration war nur ein fades Echo. Minen, Minen, Minen. Seine Augen verschwammen, als er sich die Tabelle anschaute, die Aufstellung der potentiellen Optionen.

  • HungChoi International Mining 100%ige Tochter von Taraj Zujong Cobalt (Marktanteil: 38%)
  • KunKoa Lei Mining Corp. 100%ige Tochter von QuiangQui Cobalt (Marktanteil: 20%)
  • ZhuangShen Mining Corp. 100%ige Tochter von Ju-Long Fan Cobalt (Marktanteil: 15%)

Sie alle operierten im Kongo und ihm war es eigentlich gleich, für welche Assets sich Gerhard entschied. Risk/Performance unterschieden sich nur marginal. Die Öffentlichkeit würde sie sowieso hassen, wenn dieser Deal durchging. Die Presse und die Schwarmintelligenz des Internets. Damage control stand an der Tagesordnung. Die komplette Sache musste unter dem Radar laufen. Eine wunderbare Zerstreuung hatte ihnen der Autonome heute schon beschert.
Er checkte Twitter. 500 Retweets und 2000 Likes hatte Alex’ Foto in dieser kurzen Zeit akkumuliert. Die Welt, Bild, Spiegel Online und die BZ hatten inzwischen das Foto veröffentlicht, mit Titeln, die zwischen Anschlag und Protest schwankten. Wie eine Zeitung die Verletzung einer Frau als einen Akt des Protests ansehen konnte, war ihm mehr als schleierhaft, jedoch war CMC damit zumindest für kurze Zeit in der begehrten Opferrolle. Sie waren Ziel einer Attacke geworden, was ihre Vergehen (wobei die Firma wirklich nur als Sündenbock für die gesamte Industrie einstand) in der Vergangenheit relativierte. Das beruhigte den Portfoliomanager. Es war besser, das Bild der blutenden Sabine auf den Titelseiten zu sehen, als unzählige investigative Artikel über ihren Einfluss auf die politischen Interessenvertreter. Endlich hatten sie die Empörung auf ihrer Seite.
Alex würde vielleicht ein Profil von Sabine an einige Tageszeitungen schicken, um die Relevanzdauer der Story noch ein wenig auszureizen und um sie zu humanisieren, natürlich. Wer ist diese dunkle Firma? Es sind Menschen wie du und ich, die auch bluten können.

„Wir brauchen endlich einen positiven News Cycle. Nur einen.“, sagte Alex immer wieder, wenn sie zum After Work in der Rooftopbar und bei einem Moscow Mule standen und über die schweren letzten Wochen redeten. Diese hatten dem Portfoliomanager so viel Schlaf geraubt, dass er regelmäßig nachmittags schlief. Meist stellte er seine Email auf Autoreply, schloss Fenster und Tür seines Büros, hörte meditative Tiergeräusche aus dem Regenwald oder der Arktis und versuchte zu entspannen. Dies war ihm heute nicht vergönnt. Zu elementar war der Erfolg seines Meetings mit Gerhard.
Das Prunkstück seiner Performance Review. Der Diamant im Diadem seiner erbrachten Leistungen, der Heilige im Triptychon seiner Unentbehrlichkeit für CMC, sein Pièce-de-Résistance, sein Meisterwerk. Er betrachtete die Decke, auf der sich die Schemen des Monitors abbildeten. Er war durchstochen von Mücken, seine Haut war rot und zerkratzt. Er war dehydriert vom Kaffee, den er in Unmengen konsumierte und er hatte nur den Avocadotoast gegessen. Telefone in der Firma machten ihn noch nervöser, überall wurden Fortschritte gemacht. Nur er saß auf seinem Drehstuhl wie ein Invalide, der auf seinen Betreuer wartete. Er ging noch mal über die Allokationsszenarien, die er ausgewählt hatte, Volatilitätsindikatoren, soft factors, hard factors, potenzielle Korrelationen und Prognosestudien, welche ihm, dank der weitreichenden Informationen in Zusammenarbeit mit der Big Data Corp. quantsci, zur Verfügung standen. Schließlich war er bereit, die Szenarien bis auf wenige schwache Variablen zu determinieren. Dabei gab ihm besonders die sture Fixierung seitens Gerhard, in fliegende Autos zu investieren zu denken. Er selbst konnte sich nicht ausmalen, wie diese in die Realität umgesetzt würden, wusste aber von zahlreichen großen VC-Firmen, die investiert hatten, wonach zumindest die Spur hin zur Profitabilität gelegt war, auch wenn es sich nur um eine Blase handelte.
Er würde sich auf Firmen konzentrieren, die sich auf den öffentlichen Nahverkehr konzentrieren, da er den privaten Gebrauch noch für eine kindliche Fantasie hielt, die allein wegen Regulierungen, Sicherheitsbedenken und Straßenverkehrsordnung nicht zu stemmen war. Fliegende Autos also, die wie Taxis agierten. Die Passagiere auf Hausdächern empfingen und auf anderen Hausdächern, die ebenfalls über einen Landeplatz verfügten, wieder abluden. Es klang alles sehr futuristisch. Besonders, wenn man die Koordination im Luftverkehr und die Umweltbelastung bedachte, obwohl die Hersteller sehr stark darin interessiert waren, die fliegenden Fahrzeuge auf Basis von Elektromotoren zu betreiben. Auch diese waren noch 5 Jahre vom Markt entfernt. Aber wenn Gerhard für dieses Unterfangen Funds bereitstellen wollte, war es nicht am Portfoliomanager ihn davon abzuhalten, wenn man bedachte, dass er 20 Jahre älter als der Portfoliomanager war. Er war anscheinend besonders an Firmen interessiert, die mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium zusammenarbeiteten. Er sprach oft über die Technologie in den USA, die uns 10 Jahre voraus war.
Sein Sinnspruch wiederholte er, bis er davon überzeugt war, dass ihn sich auch der Letzte eingeprägt hatte: „Bevor in Deutschland jemand einen Stein an einen Speer steckte, um Mamuts zu jagen, hatten sie drüben, auf der anderen Seite des Atlantik schon antike Dynastien errichtet.“
Seine Optionen waren wie folgt.

  • Aerotransport (Evaluation: 100 Millionen, Series-B)
  • Takesoff (Evaluation: 54 Millionen, Series-A)
  • Flyme (Evaluation: 49 Millionen, Series-A)

Es stand dem Portfoliomanager nur zu, die richtige Umsetzungsstrategie auszuarbeiten. Er war noch nicht in der Position, wirklichen Input in Richtung einer Entscheidungserwägung zu äußern. Meist stand er still hinter Jannis von de Hede, dem Senior Associate Wealth Management & Client Care Europe und seinem direkten Vorgesetzten, während dieser strategisch-direktionale Beschlüsse fasste. Jannis war ein stattlicher Mann, immer adrett gekleidet in Skinny Suits von lokalen, niederländischen Schneidern. Er schien für manche leicht magersüchtig in seiner schmalen Statur, was auf seinen fanatischen Veganismus und seiner renitenten Haltung gegenüber jeglicher Form von Zucker zurückzuführen war, welche er nur mit rohen Früchten und der ein oder anderen Tafel Bitterschokolade ausglich. Seine zurückgelegten Haare verbargen seine Geheimratsecken, die im Gegensatz zu seiner reinen Haut, das einzige Anzeichen seines Alters waren. Van de Hede war freundlich und zuvorkommend, auf eine Weise, die so erschreckend natürlich war, dass sie in dem Portfoliomanager pure Abneigung hervorbrachte. Seine Art, Druck auszuüben war es, seine Mitarbeiter sanft daran zu erinnern, dass ein kleiner Teil der Verantwortung des Unternehmens auf ihren Schultern lag und dass sie die Erfolge und die Misserfolge gemeinsam trugen. Er gab nur Ratschläge, hielt Seminare über unbefangene Kommunikation und soziale Verständigung, brachte Obstkörbe mit und bot denen, die er in sein Büro einlud, gerne eine Nektarine an oder meditierte mit ihnen vor wichtigen Meetings auf dem Dach in der Morgensonne. Attention stand in kalligraphischer Vollendung auf seinem linken Unterarm. Nachdem die Krise über sie hereingebrochen war, hatte er einen Schock erlitten, war eine Treppe heruntergestürzt und danach nach Fiji gefahren.

In der Folge hatte sich ein Vakuum gebildet, seine Position wurde von Anton Stadelmann, Head of Quality Assurance, ausgefüllt, der kommissarisch die Verantwortung für das Team übernahm, sie aber nach ihrem eigenen Ermessen handeln ließ. Die Anfrage seitens Gerhard hatte van de Hede bis zu seinem zeremonienlosen Abgang bearbeitet und dann an den Portfoliomanager abgegeben. Seine erste Aufgabe, seine erste wirkliche Chance, den Wind in seine Richtung zu drehen und seinen Wert für CMC, den er sicherlich hatte, zu unterstreichen. In dieser Situation waren gute Nachrichten wie Spiritus, der ein erlöschendes Feuer wieder zum Lodern brachte. Der Portfoliomanager hatte, aufgrund van de Hedes unerträglichen Mitgefühls, überhaupt keinen Schimmer, ob er von ihm geschätzt oder nur geduldet wurde. Dies würde sich erst nächsten Montag bzw. Dienstag wann auch immer van de Hede zurückkehrte, herausstellen. Er, van de Hede, war zu allen nett, fragte nach ihren Wochenenden, Familien, Erfolge in sportlichen Unternehmungen oder sogar ihrer Ernährung. Der Portfoliomanager glaubte zu wissen, dass van de Hede wusste, dass er rauchte. Ob er das gegen ihn halten würde, wusste er nicht? Er kratze seinen linken Arm auf, bis dieser wieder rot wurde und brannte. Kleine Bläschen bildeten sich auf der Haut. Van de Hede hatte ihn noch nie zum Essen eingeladen.

Er ging die Präsentation zum 1000sten Mal durch. Es war inzwischen 14.30. Er würde sich noch eine halbe Stunde schlafen legen, um frisch zu sein, sollte Gerhard irgendwann erscheinen. Er lag in einer Schweißlache. Die Couch scheuerte auf seiner Haut bei jeder Bewegung.  Die Bilder hinter seinen Augen zeigten Schrecken und Verderben. Männer in Leinensäcken, die Flüchtlinge vor sich hertrieben und Feuer, das komplette Viertel in Schutt und Asche legten. Frauen, die in Kellern gehalten wurden und Kinder, die von Psychopathen auf Hundertschaften geworfen wurden. Globalisierungsgegner mit Pestbeulen und schwarzen Zähnen, die sich von Abfall ernährten und glitzerten Kopfschmuck trugen, tranken Blut von Anzugträgern. Riesige bärenartige Frauen klettern an ihren Achselhaaren in der Wand des Towers hinauf in sein Büro und schlugen sein Fenster ein. Er wachte auf und schüttelte sich. Schwindel überkam ihn und er musste sich in den Papierkorb erbrechen. Sein Mund schmeckte nach verdorbenen Eiern.

Es war 15.45 und er war völlig allein. Von draußen Drang laute Musik von Booten herein. Stöhnende Bässe belästigten seine Ohren so stark, dass er sich Oropax aus der unteren Schublade seines Schreibtisches nahm und sie einsetze.
Die Stille war wunderschön, so schön und betörend wie Ingrid, als er sie zum ersten Mal auf einer Hochhausdachparty der Alumni gesehen hatte. Er vernahm ein Pochen, war allerdings nicht in der Lage, seinen Ursprung zu bestimmen. Er biss in eines der Kissen. Gerhard hätte schon vor einer dreiviertel Stunde ankommen sollen. Ein weiteres Pochen. Er schaute sich um, sah nichts abseits seiner sporadischen Büroeinrichtung. Ein kleines Gesicht schaute durch die Tür. Ein Mund öffnete und schloss sich, öffnete sich und schloss sich. Eine Hand winkte und versuchte seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Er zog die Oropax aus seinen Ohren und die Bässe dröhnten wieder.
„Hallo…“, sagte Katya vorsichtig.
„Ja, was ist denn? Ich muss mich konzentrieren. Kann ich bitte in Ruhe gelassen werden.“, antwortete der Portfoliomanager mit zunehmender Nervosität.
„Herr Reichmann kommt nicht.“
Der Portfoliomanager klappte zusammen. Seine Augen tränten und er biss in seine Hand.
„Was? Was? Was meinst du, er kommt nicht?“
Sie schluckte mehrmals.
„Ja, er sagte, er wolle heute nicht in die Stadt. Es sei ihm zu viel Aufwand. Er sagte, man könne nicht in die Stadt fahren, weil so viele Straßen gesperrt werden, wegen der Blockaden und der Politiker.“
„Warum, warum nutzt er ist nicht die öffentlichen Verkehrsmittel?“
„Das macht er nicht. Er sagte, dass er den Leuten, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen, nicht traut, die seien alle so unrein. Besonders in dieser aufgeladenen Situation, mit den vielen Demonstranten.“
„Das darf doch alles nicht wahr sein. Wir hatten einen Termin. Einen Termin sagt man nicht in letzter Minute ab. Ich habe mich zwei Wochen darauf vorbereitet. Fuck, fuck, fuck.“
Ich weiß jetzt auch nicht, was ich sagen soll. Er sagte, er kommt nächste Woche.“
„Nächste Woche? KW 28?“
Er biss erneut in seine Hand. Die Abdrücke seiner gerichteten Schneidezähne verewigten sich in seiner Haut. Seine Beine zitterten. Er nahm einen Wollschuh und warf gegen ihn die Fensterscheibe.
„Fuck.“, schrie er durch das gesamte Gebäude.  „Das kann nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein., Scheisse. Du hast den Termin gemacht. Es war doch klar, dass der Gipfel heute stattfindet. Das stand doch monatelang fest. Was soll denn dieser Mist?“
„Jannis hat den Termin gemacht“, sagte Katya kleinlaut.
„Du hast den Termin bestätigt oder nicht. Gestern oder vorgestern hast du dich nochmal vergewissert, dass das Meeting stattfindet oder?“
„Ja, habe ich, und die Sekretärin hat mir gesagt, dass er wahrscheinlich kommen wird.“
Der Portfoliomanager war kurz vor einem Tobsuchtsanfall.
„Wahrscheinlich? Wahrscheinlich? Du bist doch wirklich die dümmste Person der Welt. Ich hätte zu ihm kommen können. Ich hätte nach Frankfurt fahren können. Das hätte ich machen können. Ich hätte nicht in dieser scheiss Stadt, während dieser scheiss Veranstaltung, in diesem scheiss Ausnahmezustand mit diesen Verrückten bleiben müssen, und du hast das Wort wahrscheinlich nicht verstanden? Weißt du, was wahrscheinlich heißt? Nein, heißt es. Es war doch klar, überall in allen Medien war von 150000 Polizisten, 10000 Autonomen und hunderten Politikern die Rede. Jeder wusste, dass die Stadt komplett abgeschottet wird. Das war doch ersichtlich. Bitte, bitte mach einfach die Tür zu. Ich muss alleine sein. Vielen Dank.“
Sie war verunsichert, tippelte zurück und schloss die Tür vor sich.

„Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh“, schrie der Portfoliomanager.
Jakob von neben an eilte in sein Büro.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er, völlig überfordert.
„Gerhard kommt nicht.“
Ja, das war doch klar. Da musst du nicht so einen Aufstand machen.“
„War es klar? War es klar, du dummer Wichser?“, sagte der Portfoliomanager und wischte sich Schleim aus seinem Gesicht
„Ok, dass muss ich mir nicht anhören. Beruhig dich, ich kann so nicht arbeiten oder geh nachhause.“
„Ich kann nicht nachhause gehen. Diese scheiss Demo fängt in ein paar Minuten an. Mein ganzes Viertel ist voll mit diesen Untermenschen. Die ganze Stadt ist voll von diesem Pack, diesen dreckigen, elendigen Hurensöhnen, die noch keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet haben. Die wissen nicht, wie anstrengend das alles ist.“ Er schluchzte und vergrub sich in der Couch.
„Gut, dann bitte sei einfach leise.“
„Ich habe nichts. Alles ist vorbei. Alles ist weg. Ich musste Jannis den Deal präsentieren. Er hat sein ganzes Vertrauen in mich gesteckt und jetzt, jetzt habe ich ihn im Stich gelassen. Ich kann nicht mehr.“
Jakob schloss die Tür hinter sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Der Portfoliomanager kratzte seine Arme auf, bis sie bluteten und heulte in eines der Kissen hinein. Die Sonne stand direkt über dem Gebäude und kochte die Büros wie in einem Dampfgarer.
Ingrid, Ingrid anrufen.
Sie nahm ab. Er hörte laute Musik im Hintergrund, Punkrock oder so, laute Gitarren, krachender, verstärkter Lärm und Geschrei. Ihn plagte eine böse Vorahnung.
„Hallo, hallo. Ich versteh dich ganz schlecht.“
„Wo bist du denn? Kannst du mich abholen?“, jammerte er.
„Was?“
„Wo bist du denn?“
„Wo ich bin? Ich bin bei der Demo im Stadtpark. Lars und Andrea sind auch hier. Sagt mal Hallo.“
Woooooo, hallte es durch den Lautsprecher.
„Was? Da bist du? Bei dem Abschaum, bei den Hippie Spinnern und den Gewalttätigen? Auf der Demo bist du? Im Stadtpark oder was? Bist du eigentlich total bescheuert? Die haben heute einen Stein auf Sabine geschmissen. Sie hat geblutet. Dir ist wirklich nicht mehr zu helfen. Du gibst dich mit diesem Pack ab, mit diesen Ratten, die vom Staat leben, weil sie keinen Bock auf Arbeit haben, die die komplette Stadt lahmgelegt haben, die alles ficken, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, die Autos anzünden und Ladenfenster zerschlagen. Die den ganzen Tag Drogen nehmen und sich dann nachts in Koma saufen, die sich aus der Gesellschaft verabschiedet haben und nur zum Vorschein kommen, um wieder um Geld zu betteln oder Straßenzüge zu zerstören, die so wenig Respekt für ihre Mitmenschen haben, dass sie ihre Arbeitstage in ihrem dummen Freiheitskampf stören und Eigentum nicht schätzen, weil sie ja selbst keins haben, die sich gegen alles stellen, was die Gesellschaft zusammenhält, weil irgendwo auf der Welt, in irgendeinem dritte Welt Land 5 Leute ausgebeutet werden. In Deutschland wird niemand ausgebeutet, die sind einfach zu faul ganze 35 Stunden in der Woche zu arbeiten. Das ist doch ein Witz. Der internationale Kapitalismus? Das ist doch alles Träumerei. Diese scheiss Fantasien sind doch nur Realitätsflucht. Die haben nichts im Leben, deshalb müssen sie sich solidarisieren, sowie 1933. Es kotzt mich so an und du bist mitten drin, weil die akademische Elite natürlich nicht fehlen darf. Die Prinzessinnen vom Sozialinstitut, die sich ja so um die armen Schlucker sorgen, die lieber morgens 10 Bier trinken, als einfach mal zum Amt zu gehen. Die fürsorglichen Damen, die die Arbeitslosen bemuttern und die Tränen der Kinder, die im Dreck aufwachsen, trocknen. Den Staat zerschlagen wollen, aber können nicht mal ein Formular ausfüllen. Fair Trade machen die nur mit ihren Huren, die sie sich jeden Abend teilen. Das ist doch der Wahnsinn. Die haben Sabine fast umgebracht.
 Ich hoffe, dass sie alle totgeprügelt werden. Ich hoffe, dass das Pfefferspray ihnen die Augen verätzt. Ich hoffe, dass ihnen die Wasserwerfer alle Knochen brechen und dass sie von Hunden durch die Gassen gejagt werden. Ich hoffe, dass die Staatsgewalt ihnen mal zeigt, wo der Hammer hängt. Wer sich gegen den Staat stellt, wird die harte Rute spüren, auch Frauen. Ist das Feminismus? Du hast wirklich den Verstand verloren, aber was will man machen? Soziale Einsatzbereitschaft ist heute einfach nur noch die Abneigung gegenüber jeder Verantwortung. Mit den Leuten muss man sich abgeben. Reichmann kommt nicht wegen denen. Ist dir das klar? Weißt du, wie ich am Montag dastehe? Wie der größte Vollidiot in der Geschichte der Vollidioten. Meine Zeit hier ist vorbei. Es ist alles vorbei. Verstehst du das? Jannis hat das zu 100% von mir erwartet. Ich musste Reichmann reinholen. Jannis hasst mich sowieso schon, weil ich nicht so lebe wie er. Es ist alles vorbei und du verbündest dich mit denen, die mich hassen, die Steine nach mir werfen, und die nichts verstehen. Mit denen steckst du unter einer Decke? Mit den Versagern, Nichtsnutzen, Arbeitsverweigern, Krawallmachern, Autonomen, mit dem schwarzen Block. Das sind Gewalttäter, Ingrid. Verstehst du das? Du bist wirklich verloren. Mein Gott.“
„Entschuldigung, ich versteh dich ganz schlecht. Ich habe nur die Hälfte verstanden. Kommst du nach der Arbeit auch her? Das geht noch bis 4, 5 oder so.“

Er legte auf. Er wollte nicht im Büro bleiben, es war sowieso sinnlos. Er wollte nicht auf die Straßen, wo die Untermenschen waren, wo sie die Stadt terrorisierten und alles zerstörten. Wo sie sein Viertel eingenommen hatten und besetzten. Er schloss die Tür, nahm drei Meclobemid Tabletten, zog die Vorhänge zu und versuchte zu schlafen. Sein Körper zitterte und er war allein. Irgendwann in der Nacht erwachte er klatschnass. Alles war still. In der Ferne hörte er gedämpfte Bässe und Polizeisirenen. Rauchschwaden hingen über der Stadt.

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